Orte, die zum Erinnern auffordern

„Memory Walk“ Berlin 2017: Ein Rückblick

Mit den Themen Gedenken und Erinnern sowie Diskriminierung in Vergangenheit und Gegenwart setzten sich Ende Oktober im wannseeFORUM 15 Jugendliche aus den Niederlanden, Slowenien und Deutschland auseinander. Dreh- und Angelpunkt des internationalen Filmseminars „Memory Walk“ waren Gedenkorte in Berlin – Orte, die zum Erinnern auffordern: Wozu brauchen wir diese Orte – und brauchen wir sie überhaupt? Welche Geschichten und Debatten verbergen sich hinter Denkmälern? Welche Bedeutung haben die Erinnerungsorte für die Menschen heute? Und (wie) kann uns das Erinnern an Menschrechtsverletzungen und Diskriminierung in der Vergangenheit dabei helfen, in unserer Gegenwart Zivilcourage zu zeigen und uns für eine gerechte Gesellschaft einzusetzen?

Test

„Memory Walk“ wird als Bildungsangebot zum Thema Gedenken und Erinnern seit einigen Jahren vom Anne Frank Haus in Amsterdam mit wechselnden internationalen Partnern auf der ganzen Welt durchgeführt und kontinuierlich weiterentwickelt. In diesem Jahr war das wannseeFORUM erstmals Kooperationspartner, gemeinsam mit dem National Museum of Contemporary History in Ljubljana (Slowenien). Im Zentrum stehen die intensive Auseinandersetzung der teilnehmenden Jugendlichen mit Gedenkorten und deren Bedeutung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, durch die Begegnung mit verschiedenen Denkmälern vor Ort, ausführliche Recherchen sowie die Produktion eigener Kurzfilmen über die jeweiligen Orte.

In Berlin umfasste der eigentliche „Memory Walk“ am zweiten Seminartag neun ganz unterschiedliche, dem Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus gewidmete Denkmäler – Denkmäler, die sowohl verschiedene Opfergruppen in den Blick nehmen (Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, als „Asoziale“ Verfolgte, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Krankheiten als Opfer der Aktion „T4“), als auch an bestimmte Ereignisse erinnern, z.B. die Bücherverbrennung vom Mai 1933 oder die Rosenstraßen-Proteste von 1943, Letztere als einer der wenigen erfolgreichen Akte zivilen Ungehorsams in der NS-Zeit. Immer wieder wurde anhand der Denkmäler auch die Frage diskutiert, was diese für unsere heutige Zeit bedeuten, ob sich aus der Geschichte lernen lässt und inwieweit uns das Erinnern an Menschenrechtsverletzung und Diskriminierung in der Vergangenheit dazu anregen kann, uns in der Gegenwart für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen.

Mit diesen Fragen konfrontierten die Teilnehmenden einige Tage später auch Passant*innen bei der Produktion ihrer eigenen Kurzfilme zu selbstgewählten Denkmälern des „Memory Walk“ (der Großen Hamburger Straße, dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen). Die so entstandenen O-Töne bzw. „Vox Pops“ bilden ein breites Spektrum von Einstellungen und Meinungen zur Bedeutung von und zum Umgang mit Denkmälern in unserer heutigen Zeit ab. Die tagespolitische Aktualität dieser Fragen thematisierte u.a. eine Besucherin des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, als sie darauf verwies, dass einen Tag zuvor nur wenige Hundert Meter entfernt die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags stattgefunden hatte, in dem – in den Reihen der AfD-Fraktion – erstmals auch Rechtsextreme vertreten sind.

Dass Geschichte sehr aktuell und der Umgang mit ihr politisch höchst umstritten sein kann, wurde anhand des sechstägigen Seminars immer wieder deutlich. Über das Medium Film konnten sich die beteiligten Jugendlichen „ihre“ Denkmäler erschließen und eigene Lesarten entwickeln. Die entstandenen Filme werden nach Abschluss der Postproduktion demnächst hier veröffentlicht. Das Projekt und die Kooperation der drei beteiligten Einrichtungen werden im kommenden Jahr fortgeführt, wenn zwei weitere „Memory Walk“-Seminare in den Partnerstädten Amsterdam und Ljubljana stattfinden. Wir sind schon jetzt gespannt auf die Begegnungen und Ergebnisse.

Seminarimpressionen bei Flickr (Fotos: Jure Stušek/Aaron Peterer):

"Memory Walk" Berlin 2017


Wir danken dem Deutschen Schülerstipendium der Roland-Berger-Stiftung und dem Anne Frank Zentrum für die Unterstützung bei der Teilnehmenden-Akquise.

Das Projekt wird gefördert im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.

Die Begegnung in Berlin wird zudem gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.