ZEITEN


GESTALTEN

 

Chronik der Jugendbildungsstätte wannseeFORUM

1945

RE-EDUCATION 

„Rückführung Deutschlands in die Kulturgemeinschaft zivilisierter Nationen, die es unter der national-sozialistischen Herrschaft verlassen hatte.“

Initiative der amerikanischen Militärregierung zur Gründung des „Wannsee Center of Youth Work“ – Jugendleiterschule – als Leadership Training Center im Bootshaus des Schülerinnen-Ruder Verbandes am Kleinen Wannsee.

Das Gründungskomitee besteht aus jeweils einem 

  • Amerikanischen Jugendoffizier
  • Bezirksstadtrat für Volksbildung
  • Schulleiter
  • Vertreter der Arbeiterwohlfahrt
  • Jugendbeirat
  • Evangelischen Jugendpfarrer 
  • Katholischen Jugendpfarrer
Camp of Wannsee Jugendleiterschule 1947-51, Bismakrstr
  • Sowjetarmee erobert Berlin
  • Deutsche Kapitulation am 8.Mai 1945
  • Berlin wird Vier-Sektoren-Stadt unter Alliierter Besatzung
  • Berlin-Wannsee wird im August amerikanischer Sektor

Jugendpolitische Prinzipien der britischen und amerikanischen Jugendoffiziere: Keine Erziehung als Gehirnwäsche, sondern den Blick öffnen und die Hände frei machen für gemeinsame Aufbauarbeit.

1948

Gründung des Wannseeheims.

Am 16. Februar Beginn des ersten Lehrgangs.

Es geht um Geistige Orientierung für Mädchen und Jungen aus allen weltanschaulichen Lagern: Eigenverantwortung, selbstständiges Denken, soziales Verhalten – Praktische Anregungen für das Gruppenleben.

Heimleitung: Franz Steinrath und Lucille Day „Der Jugend die Möglichkeit geben, sich selbst zu helfen“

Die 12-Tage Lehrgänge enthalten sowohl einen gesellschaftspolitischen Part als auch einen praktischen Part mit Gruppen zu Kunst, Musik und Literatur. Beginn der politisch-kulturellen Bildung.

„Demokratisches Jugendforum“ als Treffpunkt für alte Wannseeaten zur Diskussion mit den verschiedenen Jugendverbänden über die aktuellen Fragen des Berliner Jugendlebens.

Unabhängigkeit von Parteien, Verbänden, Kirchen und sonstigen Interessengruppen. Offenheit für alle Jugendlichen.

Berlinweit geschätzte Jugendarbeit, aber als „freier Träger“ materiell ungesichert. Das bleibt das existentielle Problem derUnabhängigkeit bis heute.

1950 beschließt die High Commission for Occupied Germany, das Bootshaus an den Schülerinnen Ruderverband zurückzugeben. Die Finanzierung der Jugendleiterschulen in allen amerikanischen Besatzungszonen wird ohne Angabe von Gründen eingestellt.

Für die Arbeit des Wannseeheims müssen neue Grundlagen geschaffen werden. An Unterstützung fehlte es nicht.

1948 führen Interessensgegensätze zwischen den Sowjets und den drei West-Alliierten zum Auszug des sowjetischen Stadtkommandanten aus der Stadtregierung Groß-Berlins.
1948 führen Interessensgegensätze zwischen den Sowjets und den drei West-Alliierten zum Auszug des sowjetischen Stadtkommandanten aus der Stadtregierung Groß-Berlins.

1949

Deutsche Teilung – Geltungsansprüche der Alliierten auf Berlin: Bundesrepublik Deutschland bezieht im Grundgesetz Groß-Berlin mit ein – Die Deutsche Demokratische Republik erklärt in ihrer Verfassung Groß-Berlin zur Hauptstadt der Republik.

1951

Gründung des Vereins und Umzug in die Villa Joerger.

Trägerschaft: Das bisherige Komitee, erweitert durch einen Unterstützerkreis, gründet den Verein Wannseeheim für Jugendarbeit, Jugendleiterschule 

„Der Verein hat den Zweck die Wirksamkeit der Jugendarbeit in Berlin zu unterstützen durch Heranbildung von Leitern, die mit Jugendgruppen arbeiten oder arbeiten wollen“, so die Zweckbestimmung laut Satzung.

Am 16. Juni Eröffnung durch den Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter gemeinsam mit Mrs. McCloy.

Die Leitungstätigkeit teilt sich eine Doppelspitze, je von den Amerikanern und dem Vereinsvorstand eingesetzt.

Erster geschäftsführender Vorstand im Sinne des § 26 des BGB:

  • Dr. Edmund Szydnik, kath. Jugendpfarrer
  • Wally Theis, Buchsachverständige

Hinzu kamen der erweiterte Vorstand und fünf Fachausschüsse, gewählt von der Mitgliederversammlung

Ebenfalls an der Wannsee-Seenkette gelegen, eine großbürgerliche Villa inmitten einer weitläufigen Gartenanlage. Die Leiterin des Hauptjugendamtes Ella Kay entdeckt die Villa Joerger am Pohlesee. Mit einer Spende der McCloy Stiftung und einem Zuschuss aus dem Bundesjugendplan kann das Anwesen gekauft und in Stand gesetzt werden.
Ebenfalls an der Wannsee-Seenkette gelegen, eine großbürgerliche Villa inmitten einer weitläufigen Gartenanlage. Die Leiterin des Hauptjugendamtes Ella Kay entdeckt die Villa Joerger am Pohlesee. Mit einer Spende der McCloy Stiftung und einem Zuschuss aus dem Bundesjugendplan kann das Anwesen gekauft und in Stand gesetzt werden.

1953

17. Juni 1953 Volksaufstand in der DDR und in Ost-Berlin

In der Schulpädagogik galt damals noch das Prinzip eines „belehrenden Unterrichts“. Dazu gehörte
die individuelle Einzelleistung der Schüler, die untereinander Konkurrenten waren.

1955

Musisch-kulturelle Bildung in Verbindung mit politischer Bildung kristallisiert sich als Schwerpunkt der Bildungsstätte heruas. Entsprechende bauliche Veränderungen entstehen: aus dem ehemaligen Pferdestall und der Wagen-Remise wird ein Theatersaal und ein Kunst-Atelier.

In den 50er Jahren entwickelt sich – ausgehend von den Jugendhöfen und den Jugendleiterschulen in der britischen Besatzungszone – eine Diskussion über das Selbstverständnis politischer Bildung und ihre Interessenvertretung innerhalb der bundesweiten Jugendhilfe.

50er Jahre-05

1959

Daraus entsteht der Verein Arbeitskreis Jugendbildungsstätten mit dem Wannseeheim als Gründungsmitglied. Neue Mitglieder kommen vor allem aus der Erwachsenenbildung, so dass sich der Verein 1962 in Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) umbenennt. 

1960

1960 wechselt Hermann Berger als Dozent für Gruppenpädagogik an die Fachschule für Sozialarbeit. Neuer Leiter wird der Politologe Peter Ulrich von der DAG Jugend. Die Arbeitsatmosphäre im Wannseeheim ist lebendig, offen für Experimente wie Hörspiel-Werkstätten und Jazz-Improvisationen. 

Nach der brutalen Teilung der Stadt können Jugendliche aus Ost-Berlin nicht mehr an den Lehrgängen des Wannseeheims teilnehmen. Die Verbindung mit der DDR bleibt immerhin über die Literatur in der Lehrgangs-Arbeit erhalten.

Der Internationale Jugendaustausch beginnt in den Künstlerischen Sommer-Werkstätten.

1961

Bau der Berliner Mauer

1962 erschien das ergebnis einer empirischen Untersuchun über das politische Potential der Berliner Jugend. Jeder zweite war in einem Jugendverband organisiert. Die Zustimmung zu demokratischen Werten und Verfahren war groß. Aber die Jugend wandelt sich in die “skeptische Generation”.

1963

Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks

1964

Der Beratungsdienst für Jugendarbeit – finanziert aus dem Bundesjugendplan – wird das erste Projekt, das sich kontinuierlich außerhalb der Lehrgänge in Berlin engagiert: Praxisbegleitung  für Mitarbeiter der Jugendverbände.

Peter Ulrich sieht voraus, dass das Wannseeheim langfristig nur als attraktives Übernachtungshaus finanziell überleben wird. Die „Villa Joerger“ entspricht nicht mehr den veränderten Ansprüchen seiner Gäste. Ein Erweiterungsbau mit Schlafräumen und modernen sanitären Einrichtungen entsteht, finanziert vom LOTTO Berlin un

60er Jahre-07

1965

Eröffnung des Neubaus als glanzvoller Abschluss der Leitertätigkeit von Peter Ulrich, der danach in die Landespolitik wechselt und bis zum Innensenator und Bürgermeister avanciert.

Neuer Leiter und Lehrkraft für Theater und Literatur wird der Germanist Moritz v. Engelhardt. Er ist Bundessekretär des Bund Deutscher Pfadfinder und verfügt aus seiner Tätigkeit als Bildungsreferent im BDP bundesweit über verlässliche Kontakte zu Weggefährten, mit denen ihn die Begeisterung für die kulturelle Jugendbildung, speziell die Theaterarbeit, verbindet. 


Die deutsche Industrie wirbt aus Italien, aus Jugoslawien und vor allem aus der Türkei “Gastarbeiter” an

1966

Moritz v. Engelhardt erhält die Theodor-Heuss-Medaille für die von ihm entwickelte „Politische Kundschaft“ mit Jugendlichen.

1967

Der Vorstand übernimmt von der Senatsverwaltung die Trägerschaft für das Jugendfilmstudio in Kreuzberg. Der Auftrag lautete: „Entwicklung und Erprobung von Modellen zur politischen Bildung mit Hilfe von Medien“. Leiter wurde der Kameramann Falk Rebitzki.

Die 68er Studentenbewegung kritisiert die bürgerlichen Werte als reaktionär und steht jeder Autorität kritisch gegenüber. In Teilen der pädagogischen Fachöffentlichkeit gilt nun die „musische Bildung“ als kultur- und technikfeindlich, wie Moritz v. Engelhardt in Vorstand und Lehrplan ausführlich darstellt. Der Vorstand diskutiert „was das Wannseeheim wirklich ist“ und stellt in den Vordergrund, den Interessen der Jugendlichen zu folgen und sich in den Lehrgängen offen auseinanderzusetzen. 

Die politischen Diskussionen um neue Ansätze in der Bildungsarbeit veranlasst Moritz v. Engelhardt für die Dozenten eine wissenschaftliche Ausbildung und eine entsprechende Höhergruppierung der Gehälter zu fordern. „Die Aufgaben sind komplexer geworden, die fachlichen und pädagogischen Anforderungen sind gewachsen. Die Konzeption der außerschulischen Bildung muss neu überprüft werden.“

Am 2. Juni wird der Student Benno Ohnesorg bei einer Protestdemonstration gegen den Schah von Persien von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Kurras, der 2008 als Stasi-Agent enttarnt wird, wird im Gerichtsverfahren freigesprochen. Dies staatliche Handeln war das Fanal für die Ausweitung und Radikalisierung der Studentenbewegung.

In der DDR findet die 5. Volkskammerwahl statt mit dem unglaublichen offiziellen Ergebnis von 99,93% der Stimmen für die Einheitsliste der Nationalen Front

Am 13. September 1968 setzt die Genossin Sigrid Rüger mit einem Tomatenwurf gegen den Vorstand auf dem SDS-Kongress in Frankfurt/M. ein deutliches Zeichen: “Frauen gemeinsam sind stark” war der übergreifende Slogan der sich entwickelnden Frauenbewegung.

1970 Die Rote Armee Fraktion (RAF) entsteht als linksterroristische Vereinigung, die das herrschende System als faschistisch mit Gewalt vernichten will.

Die große Mehrheit der gesellschaftlich Engagierten orientiert sich in unterschiedlichen sozialen Bewegungen:

  • anti-autoritäre Erziehungsmodelle
  • Versuche der “sexuellen Befreiung” (Kommune I)
  • Homosexuelle Aktionen
  • Friedensbewegung (Ostermärsche)

1971-1972

Ein pädagogisches Team mit sozialwissenschaftlichen Dozenten entsteht, die innovative Seminarkonzepte entwickeln. Die „proletarischen Jugendlichen“ rücken ins Zentrum des pädagogischen Engagements des Wannseeheims. Die Hauptschüler und Lehrlinge werden zur wichtigsten Zielgruppe der Bildungsarbeit.

Die Theaterarbeit entwickelt sich erfolgreich aus der Zusammenarbeit mit dem Hessischen Jugendhof Dörnberg und mit Willy Praml, ab 1971 Dozent an der Jugendbildungsstätte Dietzenbach: 

  • Politisches Theater in experimentellen „Dramatischen Werkstätten“
  • Lehrlingstheater auf der Grundlage von Brechts „Lehrstücken“ 
  • Deutsch-französische Lehrgänge

Willy Praml und Hansjörg Maier, Theaterdozent im Wannseeheim, erhalten gemeinsam den „Brüder-Grimm-Preis“ des Landes Berlin für ihre beispielhafte theaterpädagogische Arbeit.

Im Bereich Politische Bildung werden, in enger Kooperation mit engagierten Lehrern, für Wochenkurse mit 14- bis 17-jährigen Schüler/innen erfolgreich neue Modelle erprobt. Trotz anfänglicher Skepsis und politischer Bedenken gehen die vielfältigen Methoden der außerschulischen Bildung später in den Projektunterricht der Schule ein. 

Die Bereitschaft des Vorstands, das Wannseeheim für neue Zielgruppen, Arbeitsweisen und Themen zu öffnen, findet 1972 ihren formalen Ausdruck in einer Satzungsänderung: Die Emanzipatorische Bildungsarbeit gilt bis heute als Zweckbestimmung der Pädagogik.

Alternative sozialpädagogische Initiativen finden im Wannseeheim ein Forum für Fortbildungen: Betreuer auf Abenteuerspielplätzen, Stadtteilinitiativen aus den Neubauvierteln und Initiatoren von Wohngemeinschaften für Jugendliche. 

 

Die „proletarische Jugendarbeit“ hat in Theorie und Praxis einseitig die Jungen im Blick. Die Mädchen werden als „Nebenwiderspruch“ ignoriert. In den Hauptschulklassen sind die Jungen in der Mehrheit und die „Macker“ dominieren, während die Mädchen meist still und zurückhaltend sind.
Die „proletarische Jugendarbeit“ hat in Theorie und Praxis einseitig die Jungen im Blick. Die Mädchen werden als „Nebenwiderspruch“ ignoriert. In den Hauptschulklassen sind die Jungen in der Mehrheit und die „Macker“ dominieren, während die Mädchen meist still und zurückhaltend sind.

Die Theaterarbeit entwickelt sich erfolgreich aus der Zusammenarbeit mit dem Hessischen Jugendhof Dörnberg und mit Willy Praml, der ab 1971 Dozent an der Jugendbildungsstätte Dietzenbach ist. Dort entsteht:

  • Politisches Theater in experimentellen “Dramatischen Werkstätten”
  • Lehrlingstheater auf der Grundlage von Brechts “Lehrstücken”
  • Deutsch-französische Lehrgänge
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1975

Frauenbewegte Pädagoginnen bieten in einer Sommerwerkstatt zum ersten Mal eine Mädchengruppe an – mit großem Erfolg. Das ist der Beginn der Mädchenarbeit.

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1976

Die “emanzipatorische Bildung und Erziehung” war on Klaus Mollenhauer als Prinzip einer erneuerten Bildung formuliert worden, mit der wir uns von äußeren und inneren Zwängen befreien könnten, Proletarische Jugendliche waren eine bisher vernachlässigte Zielgruppe der außerschulischen Bildung. In der Schulpädagogik waren sie überhaupt keine beachtenswerte Gruppe – ebensowenig wie die Mädchen und jungen Frauen

Der Beutelsbacher Konsens untersagt Lehrenden mit dem dem “Überwältigungsverbot”, Schüler/innen im Sinne einer bestimmten politischen oder religiösen Position zu indoktrinieren. Kontroverse Positionen sind als solche darzustellen.

Hausbesetzungen von Altbauten durch alternative Gruppen, gegen Kahlschlagsanierung besonders in Kreuzberg.

Bisher suchte sich die außerschulische Bildung in großer Distanz zu einer Schulpädagogik zu halten, der sie aus guten Gründen misstraute. Das wannseeFORUM gehörte zu den ersten, die eine produktive Zusammenarbeit mit der Regelschule suchten.

1978-1980

Der erste zusätzlich aus Bundesmitteln geförderte Modellversuch findet statt: „Entwicklung von Modellen für die Kooperation zwischen Schule und außerschulischer Bildung“. Die Schule hat sich damit auch formal als Partnerin für die außerschulische Bildung geöffnet.

1979-1984

Das Jugendfilmstudio arbeitet in Kreuzberg weitgehend autonom. 1979–1984 erprobt es in der Kiez Monatsschau mit mobiler Videotechnik die lokale Kommunikation im problembelasteten Stadtteil zu verbessern. Die Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt das Projekt finanziell und inhaltlich.

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1981

„Mädchenarbeit im Stadtteil“, bundesweit einer der ersten Mädchentreffs, fortgesetzt bis 1986 als „Kulturarbeit mit Mädchen“, finanziert von der „Stiftung Jugendmarke“.

1984

6. Jugendbericht „Zur Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen“ erscheint und gibt bundesweit Rückhalt für die Anerkennung der Mädchenarbeit. 

1985

Eröffnung des Neubau ATRIUM auf dem Nachbargrundstück, erbaut von der Stiftung Berliner Klassenlotterie. Die Nutzung von Haus und Grundstück wird dem Verein vertraglich überlassen.

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1986

Modellprojekt „Auge und Ohr“ (1986-1990), finanziert von der Stiftung Jugendmarke, erprobt den kreativen Einsatz von Computern im neu eingerichteten, weiblich besetzten künstlerischen Fachbereich Neue Medien. Damit wird das Wannseeheim zum Vorreiter der kreativen Medienarbeit in der außerschulischen Bildung.

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Die differenzierte Arbeit mit Mädchen und Jungen ist inzwischen ein Schwerpunkt im Fachbereich Politische Bildung, Personelle Veränderungen im hauptamtlichen Team machen diese Entwicklung möglich.

Im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) hat sich eine eigenständige Kommission „Mädchen- und Frauenbildung“ etabliert. Die jährlichen Fortbildungen finden in Kooperation mit dem Wannseeheim statt.

Erste bundesweite Fachtagung „Weiblichkeit als Chance“ als Beginn der bis weit ins neue Jahrtausend reichende Veranstaltungsreihe mit Praktikerinnen aus der Mädchenarbeit.

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Reaktor -Gau in Tschernobyl schafft Bewusstsein für die tödliche Gefahr, die von der Atomkraft ausgeht.

1987

Der Mädchentreff gründet einen eigenständigen Verein und kann als „MaDonna Mädchenkultur“ mit einer Finanzierung der Senatsverwaltung weiterarbeiten.

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1989

Moritz v. Engelhardt wird zum Vorstandsvorsitzenden des AdB gewählt und hat dieses Ehrenamt bis zum Rentenalter 2002 inne. Er setzt sich gegen Widerstände für den Stellenwert Politischer Bildung, insbesondere in Kombination mit kultureller Bildung, ein. Mit der deutschen Einigung gewinnen seine Ziele noch einmal mehr an Bedeutung.

Mit der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze ergeben sich neue Prioritäten für die Arbeit mit Jugendlichen und mit Erwachsenen.

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9.November – Fall der Berliner Mauer.
Um 00 Uhr sind alle Grenzübergänge offen.
Tausende strömen von Ost nach West und werden begeistert empfangen.

1990

Ab jetzt west-östliche Schulseminare gemischt für Mittelstufenzentren und Gymnasien. Die Schüler/innen arbeiten zu einem Thema in künstlerischen Kleingruppen, angeleitet von Fachdozenten. Die gewachsene wechselseitige Anerkennung zeigt sich deutlich in den Abschlusspräsentationen der Jugendlichen.

Für Schülervertretungen entwickelt Moritz v. Engelhardt das richtungsweisende Seminarformat „Salz in der Suppe“ mit dem klassenübergreifenden Prinzip der Schülerpaten – ältere Jugendliche geben ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter.

1991

Gründung des deutsch-polnischen Jugendwerks.

1992

Öffnung der Internationalen Seminare und Künstlerischen Werkstätten nach Mittel- und Ost-Europa.

In der Weiterbildung übernimmt das Wannseeheim als freier Träger Lehrgänge, die über die Arbeitsverwaltung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert werden:

  • Brückenkurse: Qualifizierung von Fürsorgerinnen aus Ost-Berlin in einer kontinuierlichen Abfolge von Wochenseminaren „auf Augenhöhe“, Weiterbildung von Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern des Landes Brandenburg zu Sozialarbeiterinnen (die Zufluchtsstätten waren erst nach der Wende entstanden).
  • Berufsbegleitende Fortbildung „Jugendkulturarbeit in Praxis“ mit dem Schwerpunkt „Theater“ sowohl für Sozialarbeiter wie für Künstler mit dem Ziel, die fachlichen Standards für Gesamtberlin zu vereinheitlichen.

Das Land Berlin erhält nach der Wende keine Sonderzuwendungen des Bundes mehr und versucht, sein katastrophales Haushaltsdefizit auch durch Mittelkürzungen bei den „freien Trägern“ zu regulieren. 

Die zusätzlichen finanziellen Mittel der Arbeitsverwaltung für die Projekte überdecken zeitweilig die immer größer werdende Lücke in den Zuschüssen der Jugendverwaltung. Das Wannseeheim erhält seit den 50er Jahren als eigenständige Institution eine Fehlbedarfsfinanzierung, d.h. es muss zwar durch Vermietung des Hauses und das Einwerben zusätzlicher Mittel möglichst viel selbst erwirtschaften. Aber für den eigentlichen Geschäftsbetrieb, die Arbeit mit Jugendlichen, gibt es eine Grundförderung. Gewinne dürfen nicht erwirtschaftet werden.

1993 Gründung der Europäischen Union im Vertrag von Mastrich in ihrer heutigen Form. Motto: In Vielfalt geeint.

1995

Die Senatsverwaltung entzieht dem Wannseeheim als freiem Träger die institutionelle Förderung und damit den Anspruch auf finanzielle Grundförderung und Gleichbehandlung analog dem öffentlichen Dienst. Die Verwaltung reduziert den „freien Träger“ zum „Projekt“, das nur noch für eine bestimmte Zahl von Seminartagen mit Berliner Jugendlichen, den „Landeskindern“, Zuschüsse erhält.

Moritz v. Engelhardt, erschöpft vom Kampf um Status und Finanzen, erklärt dem Vorstand seinen Rücktritt als Leiter. Er will er nur noch als Dozent und ehrenamtlicher Vertreter des Hauses im AdB tätig sein. Für seine Nachfolge gibt es von 1996 bis 1998 eine Interimsleitung aus Vorstand und Verwaltungsleitung.

Fragen der Wirtschaftlichkeit haben nun oberste Priorität, während die Seminararbeit mit Jugendlichen an Bedeutung verliert. Zwei Stellen im pädagogischen Team werden gestrichen.

1998 Am 1. Januar übernimmt die Betreibergesellschaft „wannseeFORUM gGmbH/Wannseeheim für Jugendarbeit“ den Geschäftsbetrieb. Aufgrund ungeklärter Rechts- und Finanzfragen beschließt die Mitgliederversammlung die Liquidation der gGmbH und die Rückführung in den Verein.

1997

Dialog zwischen den Kulturen als Reaktion auf ausländerfeindliche Übergriffe in Berlin und Brandenburg, auf Anregung von Bundespräsident Roman Herzog, organisiert die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Wannseeheim die Präsentation von demokratische Projekten und Initiativen. Die kommen dabei in Kontakt und werden öffentlich gewürdigt.

1998

Am 1. Januar übernimmt die Betreibergesellschaft „wannseeFORUM gGmbH/Wannseeheim für Jugendarbeit“ den Geschäftsbetrieb. Aufgrund ungeklärter Rechts- und Finanzfragen beschließt die Mitgliederversammlung die Liquidation der gGmbH und die Rückführung in den Verein.

1999-2000

1999 wählt die Mitgliederversammlung einen neuen Vorstand mit Heinz Blumensath als Vorsitzendem. Gabriele Naundorf, Politologin, und langjährig erfahren in der Leitungsfunktion, wird vom Vorstand als Leiterin bestätigt.

In den Jahren der internen Krise beweist das Wannseeheim seine jugendpolitische Substanz und Leistungsfähigkeit in bundesweiten Großveranstaltungen:

  • siehe Dialog zwischen den Kulturen 1997
  • Bundesjugendforum im „Haus der Kulturen der Welt“ als Auftakt für die „Bundesversammlung der Jugend – 50 Jahre Grundgesetz“ mit dem scheidenden Bundespräsidenten Roman Herzog als Hauptredner für 1000 Jugendlichen aus ganz Deutschland.
  • Deutsche Jugendkonferenz im Jahr 2000 im Rahmen des Europäischen Weißbuchprozesses zur Jugendbeteiligung, beauftragt vom Bundesministeriums für Jugend. 90 „exemplarisch“ ausgewählte Jugendliche aus unterschiedlichen regionalen Projekten diskutieren über ihre Interessen und deren Durchsetzung. 

Jugendbeteiligung wird auch auf lokaler Ebene ein zentrales Thema.

Deutschland ist im Kosovo-Krieg das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg mit 50.000 eigenen Soldaten beteiligt.

2001

Beginn der Tradition des Berliner jugendFORUMs mit einer ersten Veranstaltung im Gropius-Bau. Es folgt im selben Jahr der Schritt ins gegenüberliegende Abgeordnetenhaus als würdigen Ort für den Dialog zwischen Jugend und Politik. Bis heute findet das jugendFORUM jedes Jahr in unterschiedlicher Form als größte Berliner Jugendveranstaltung statt.

Moritz v. Engelhardt erhält das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um die politisch-kulturelle Bildung. 

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Am 11. September blickt die Welt schockiert auf die einstürzenden Türme des World Trade Centers. Die USA beginnt einen “Krieg gegen den Terrorismus”, aber auch in vielen anderen westlichen Staaten werden Anti-Terror-Gesetze erlassen.

2003

Intern hat sich mit der neuen Leitung das Wannseeheim – inzwischen auch wannseeFORUM genannt – konsolidiert. Haupthaus, Kutscherhaus und Gartenanlage des „Ensembles Villa Joerger“ werden ab jetzt grundsaniert. Die „Aktion Mensch“ ermöglicht die behindertengerechte Ausstattung an wichtigen Stellen. Die Stiftung Klassenlotterie folgt mit der Sanierung des ATRIUM einschließlich Innenhof.

Die Immobilie „Villa Joerger“ weckt immer wieder kommerzielle Begehrlichkeiten. Die Organisationsform „Verein“ sichert nicht mehr die traditionsreiche ideelle Zweckbestimmung als Jugendbildungsstätte. 

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2005 In den USA wird Barack Obama der erste schwarze Präsident des Landes. Gerade das junge Amerika schöpft mit “Yes we can” neue Hoffnung auf einen Wandel.

2008

Die Mitgliederversammlung des Vereins gibt ihr Votum ab, mit dem die Modalitäten für die Gründung einer Stiftung geprüft werden können. Die Sicherheit der Rechtsform „Stiftung“ vor einer Fremdübernahme sollt mit den demokratischen Möglichkeiten der Mitbestimmung im Verein in Einklang gebracht werden.

2011

Gründung der Stiftung wannseeFORUM

durch die Mitglieder des Vereins „Wannseeheims für Jugendarbeit“ mit einem einhelligen Votum für die Rechtsform als aktive Stiftung.

In den folgenden Jahren konnte das wannseeFORUM neue Kooperationen eingehen und die internationale Zusammenarbeit insbesondere mit Israel und Frankreich verstärken.

Dr. Roman Fröhlich, Politologe, wird 2016 nach einer Übergangszeit neuer pädagogischer Leiter.

Eine Vielzahl von Formaten wird entwickelt in den Bereichen 

  • digitale Medien und Demokratie,
  • kulturelle Bildung, u. a. in Kooperation mit der Komischen Oper Berlin,
  • politische Bildung auch im Verbund mit neuen internationalen Trägern.

Das Lebensgefühle der TeilnehmerInnen spiegelt sich in Themen wie Diversität, Inklusion Feminismus, Interkulturalität, Erinnerungskultur, Migration, Partizipation, Klima, Mitbestimmung in der Demokratie, Grün, Frieden in Europa und neuen Methoden der Vermittlung.

Gerne erfahren sie mehr auf unserer Homepage www.wannseeforum.de

Europa wird überrascht von einer starken Flüchtlingsbewegung. In Deutschland entsteht eine spontane Willkommenskultur, die aber mit einer anhaltenden Herausforderung verbunden ist.

Wie in anderen europäischen Ländern beginnen sich auch in Deutschland rechtspopulistische Kräfte zu formieren. Ihre propagierte Fiktion einer homogenen Volksgemeinschaft geht einher mit der Ausgrenzung anderer und einem autoritären Demokratieverständnis.

2019

Das wannseeFORUM erhält als erste Bildungsstätte im deutschsprachigen Raum die Zertifizierung „Council of EuropeQuality Label for Youth Centres“ des Europarats.

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Inhalt: Gabriele Naundorf, unter Mitarbeit von Prof. Dr. C. Wolfgang Müller, Gunter Schwedhelm

Die historische Timeline ist als Flyer erhältlich.

Gestaltung – Web: Carmen d’Avis – themenstudio.de