Wie sieht eine „gerechte Welt“ aus – und wie lernen junge Menschen, sie sich vorzustellen? Fünf Tage im September 2024 lud ein Pilot-Workshop Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klasse der Friedensburg-Oberschule dazu ein, genau diese Frage zu erkunden. Im Seminar „Just Justice – Was ist eine gerechte Welt?“ entwickelten sie eigene Gesellschaftsverträge, übten Perspektivwechsel und übersetzten ihre Ideen in interaktive Virtual-Reality-Welten.
Ein Blick hinter den Schleier des Unwissens
Basis des Workshops war John Rawls’ berühmtes Gedankenexperiment „Urzustand und Schleier des Unwissens“ aus „A Theory of Justice“ (1971). Unter diesem imaginären Schleier wissen wir nicht, welche Herkunft, Fähigkeiten oder Bedürfnisse wir haben – eine Voraussetzung, um faire Regeln für alle auszuhandeln. Ziel des Seminars war es, Abstraktionsvermögen, Empathie und das Verständnis für unterschiedliche Lebenslagen bei den teilnehmenden Jugendlichen zu stärken.
Werte und Regeln spielerisch entdecken
Zum Auftakt setzten sich die Jugendlichen in einem interaktiven Schiffsszenario mit ihren persönlichen Werten auseinander: Nicht „über Bord” warfen die Teilnehmenden auf einer erdachten Schiffsreise z.B. „Faire Behandlung und Nichtdiskriminierung“, „Meinungsfreiheit“, „Religionsausübung,“ „Demokratische Wahlen und Regeln“ und „Schutz vor Misshandlung“
Anschließend regte das 2024 im Seminar „Die Erfindung der Zukunft“ entwickelte Spiel „Freiheitsbegriff“ dazu an, über gemeinsame Regeln, persönliche Freiheiten und mögliche Verbote nachzudenken.
Spielerisch erfolgte auch die Einführung in Menschenrechtsfragen. Im Brett- und Teamspiel „Courage“ von Amnesty International Deutschland bearbeiteten Kleingruppen Szenarien zu z.B. Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt-, Antirassismus- und Kinderrechten – mal mit Quizfragen, mal kreativ durch Audiobeiträge, Videos oder Zeichnungen.

Das Gedankenexperiment lebendig machen
Gemeinsam reflektierten die Jugendlichen über Kategorien wie Identität, Community, Überzeugungen, Talente, Besitz. In der „Lotterie des Lebens“ wurden ihre Kategorie-Beschreibungen zufällig neu zusammengestellten, ergänzt durch zusätzliche KI generierte fiktive Charaktere. Ziel war es hier, durch die zusammen erschaffenen Persona Perspektiven von anderen Menschen kennenzulernen und zu versuchen, sich in ihre Blickwinkel einzufühlen, um Storytelling und Empathiebildung anzuregen.
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Susan Neiman (Direktorin) und Dominic Bonfiglio vom Kooperationspartner Einstein Forum Potsdam beleuchtete, was Philosophie für unser Zusammenleben bedeutet. Im Debattenspiel zu Freiheit und Gleichheit feilschten die Teams um Argumente zu Menschenrechten – ein echtes Warm-up für das Kernprojekt: die „Raumschiffreise“. Fünf Teams verhandelten auf dem Weg zu unbekannten Welten Gesellschaftsverträge für Planeten wie „Gaia“ oder „Astris“, in denen Teilhabe, Bildung, Wirtschaft und Kultur für alle Lebenslagen gesichert sein sollten.


Aus Ideen werden (VR‑)Welten
Die entstandenen Verträge wurden zu Collagen verarbeitet und mit 360‑Grad‑Fotos als Vorlage für die Programmierung im Programm cospace genutzt. In Kleingruppen programmierte jedes Team ihre Vision einer gerechten Welt als virtuelle 3D‑Umgebung – ein immersives Experiment, um abstrakte Prinzipien erlebbar zu machen.

Präsentation und Reflexion
Am letzten Tag präsentierten die Jugendlichen ihre VR-Welten vor geladenen Gästen. In Gesprächen und Feedback-Runden reflektierten sie ihr Erlebnis, unter dem Schleier des Unwissens zum Thema Gerechtigkeit zu verhandeln, und ihre Erkenntnisse für ihr eigenes Zusammenleben in Alltag und Gesellschaft. Gezeigt wurden die Ergebnisse auch beim Sommerfest des wannseeFORUMs am 28.9.2024. Schüler:innen berichteten Gästen vom Seminar, erklärten die entstandenen Materialien und zeigte mit VR-Brillen die erschaffenen „Gerechtigkeitswelten“.


Best Practice für politische Bildung
Alle Seminarunterlagen stehen als Open Educational Resources (OER) zur Verfügung und können kostenlos unter https://pad.medialepfade.net/s/oer_urzustand# genutzt werden. Die Zusammenarbeit zwischen der Friedensburg-Schule Berlin, medialepfade.org und dem Einstein Forum Potsdam zeigte: Mit kreativen Methoden, spielerischem Zugang und digitaler Technologie lassen sich komplexe Fragen der Gerechtigkeit für junge Menschen greifbar machen – und geben Impulse für politische Bildungsarbeit. Insbesondere für die Auseinandersetzung mit Menschenrechten bot das Seminar vielfältige Ansätze. Jugendliche Teilnehmende und Dozent:innen kamen zu Human Rights Education auch ins Gespräch mit Vertreter:innen des Qualitätslabel für Jugendzentren des Europarats, die zur Zertifikatserneuerung während der Seminarwoche im wannseeFORUM tagte. Durch die aktive Mitgestaltung in interaktiven, mediengestützten Formaten gewinnen Jugendliche ein tieferes Verständnis für Menschenrechte als Fundament ihrer künftigen politischen Teilhabe.