Gedanken zur Mitarbeit im Kuratorium der Stiftung wanseeFORUM
Marliese Seiler-Beck (MSB) und Gunter Schwedhelm (GS) arbeiten ehrenamtlich im Kuratorium der Stiftung wannseeFORUM. Das Interview führte Barbara Kühn (BK), 1. Vorstandsvorsitzende.
BK:
Lieber Gunter, liebe Marliese, mich interessiert, wann und wieso ihr euch für die Mitarbeit im Kuratorium, früher Verein Wannseeheim für Jugendarbeit, entschieden habt?
MSB:
Als Vertrauenslehrerin habe ich mit Schüler:innen, die sich an meiner Schule für die Arbeit der Schülervertretung (SV) interessiert oder engagiert haben, über Jahre die SV-Seminare im „Wannseeheim“ besucht. Mich überzeugte das Konzept. Ich bin immer noch begeistert von der Verbindung von politischer und kultureller Arbeit. Die Schüler:innen gingen 10 cm größer aus dieser Woche heraus. Demokratiebildung war und ist ein großes Thema für mich. Als Moritz von Engelhardt starb (2004), entschied ich mich – quasi als Hommage an Moritz – im Verein mitzuarbeiten. Er hatte mich immer mal wieder gefragt.
GS:
Ich war in den 70er Jahren im Team von Gabi Naundorf zusammen mit Sylvia Wetzel, Rita Eichelkraut und anderen. Wir haben unter dem Motto: „proletarische Jugendarbeit“ Hauptschulseminare durchgeführt. Das war ein echtes Novum und für die emanzipatorische Jugendbildung waren es bewegte Zeiten. Aus beruflichen Gründen verließ ich Berlin und als ich nach fast 20 Jahren zurückkehrte, traf ich Gabi zufällig und sie warb mich für den damaligen Verein „Wannseeheim für Jugendarbeit“.
BK:
Ihr wart beide im Verein Wannseeheim für Jugendarbeit. Worin besteht der Unterschied zur Arbeit im heutigen Kuratorium der Stiftung wannseeFORUM?
MSB:
Ich empfand die Zusammensetzung im Verein eher wie ein Verbandstreffen der verschiedenen Jugendbildungsstätten inklusive einiger Politiker:innen. Ich erinnere es als Austausch über die Arbeit der Jugendbildungsstätten. Auf mich wirkte der Verein wie ein gutes Netzwerk der außerschulischen Jugendbildungsarbeit.
GS:
Meines Erachtens gibt es sowohl eine Veränderung auf der Bewusstseinsebene als auch auf der organisatorischen Ebene. Das Stiftungsrecht gibt eine bestimmte Struktur vor: das Kuratorium, den Vorstand und die Hausleitung. Früher waren im Verein der Vorsitzende und der/die Leiter:in der Bildungsstätte die wichtigsten und prominentesten Personen.
Der Vorstand der Stiftung hat aktuell mit fünf Leuten und der „Doppelspitze“ – der Verwaltungs- und pädagogischen Leitung – mehr Kapazität als damals mit den beiden oben genannten Personen. Vieles ist professioneller geworden – Stiftung und Verein – das ist schon ein Unterschied.
MSB:
Für mich ist die Arbeit im Kuratorium konkreter. Alles dreht sich um die Belange des wannseeFORUMs, aus allen Arbeitsfeldern wird berichtet.
BK:
Ihr seid langjährige Wegbegleiter:innen des wannseeFORUMs: Wie seht ihr eure Aufgaben in dieser ehrenamtlichen Funktion?
MSB:
So wie ich die Arbeit im wannseeFORUM als Lehrerin kennen gelernt habe, war ich sehr begeistert und überzeugt von dem Seminarangebot. Ich kam auch mit anderen Teilnehmern ins Gespräch und das führte für mich dazu, dass ich die Arbeit begleiten und unterstützen wollte. Welche Fachexpertise kann ich einbringen? Mein Wissen und meine Erfahrungen als Pädagogin und Gewerkschafterin. Ich bin auch in der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik.
GS:
Nachdem ich wieder nach Berlin zurückzog, war das wannseeFORUM für mich so eine Art Rückkehr an einen vertrauten Ort. Ich kannte Gabi Naundorf und Moritz von Engelhardt und auch Wolfgang C. Müller. Für mich waren die vergangenen Zeiten wertvolle Berufserfahrungen, da wollte ich etwas zurückgeben.
Zu deiner Frage nach der konkreten Mitwirkung fand ich es besonders spannend, die Entstehung des jugendBEIRATs mitzuerleben oder die Geschichte der Stiftung im Treppenhaus zu dokumentieren. In der Findungskommission suchen wir nach potenziellen neuen Mitgliedern für das Kuratorium. Sie sollten die Arbeit des Hauses kennen und bereit sein sich zu engagieren.
MSB:
Wichtig finde ich für Mitglieder des Kuratoriums, die Arbeit des wannseeFORUMs auch von innen zu kennen. In der Satzung steht: „Das Kuratorium berät, unterstützt und überwacht den Vorstand bei seiner Tätigkeit“. Voraussetzung dafür ist natürlich, ausreichende Informationen zu erhalten! Und selbstverständlich ist der Austausch der konkreten Arbeit im Haus sehr wichtig.
Bei zwei Sitzungen im Jahr mit wenig Zeit bringt das Kuratorium bei Abstimmungen dem Vorstand und der Hausleitung einen großen Vertrauensvorschuss entgegen. Das kann auch so bleiben, eventuell ergänzt durch eine stärkere inhaltliche Arbeit. Ich wäre interessiert und auch bereit zum Beispiel in einem Fachbeirat mitzuarbeiten.
GS:
Klar, die Sitzungen sind sehr vollgepackt. Aber wenn sich ein größeres Thema andeutet, hat das Kuratorium auch schon mal zu einem außerordentlichen Treffen eingeladen. Es ist doch die Frage, welche Kompetenzen sind im Kuratorium vertreten und andererseits gilt es Themen zu identifizieren, die für die Beratung genutzt werden können. Wo macht das wirklich Sinn? Wo ist sie notwendig?
Da gab es zum Beispiel die Diskussion um den neuen Webauftritt. Hier gehen Kompetenzen zu Technik, Marketing und jugendspezifischen Nutzerverhalten ein. Das sind nicht unbedingt die Sachen des Kuratoriums. Aber zum Beispiel bei der Frage nach der politischen Positionierung – muss man da nachschärfen? Das ist dann eine grundsätzlichere Sache für das Kuratorium.
BK:
Ihr habt im Herbst einen Leitbild-Workshop gemacht. Wie habt ihr den erlebt?
MSB:
Der Leitbildworkshop war ein guter Schritt, um in die Diskussion zu kommen. Das Leitbild sollte aktualisiert werden: Was ist das Besondere, das Alleinstellungsmerkmal des wannseeFORUMs?
GS:
Ich fand diese Diskussion sehr interessant. Es haben sich immerhin zehn Personen beteiligt und es gab einen qualifizierten Austausch, in dem ich zum Beispiel erfahren habe, auf welchem Hintergrund – zum Beispiel Gewerkschaftsecke oder Wissenschaft – Kuratoriumsmitglieder ihre Positionen einbringen. Die Diskussion ging um die originären Aufgaben des Hauses. Das wäre in einer Kuratoriumssitzung so nicht möglich gewesen. Gelungen ist die Veranstaltung auch, weil sie sehr gut von Stefanie Elies (Mitglied des Kuratoriums) moderiert wurde. Allein wären wir wohl nicht so weit gekommen.
MSB:
Aus dem Leitbild heraus könnten im Anschluss Fragen wie „Was versteht man unter Demokratiebildung?“ diskutiert werden. Generationsübergreifend, also die Jungen und die Alten. Das sehe ich auch als Aufgabe des wannseeeFORUMs. Damit werde ich mich noch mal an Kuratoriumsvorsitzenden wenden.
GS:
Ich finde bestimmte Aufgaben für das Kuratorium stehen deutlich und klar in der Satzung, wie die Überwachung des wirtschaftlichen Gleichgewichts und die Einhaltung der Stiftungsziele. Aber die Aufgabe der „Beratung“ ist eben nicht so eindeutig.
Wenn ich an unsere Leitbilddiskussion denke und zum Beispiel die Feststellung: „Demokratie muss wehrhafter gegen autoritäre Bestrebungen werden? Wie kann das in Seminaren erarbeitet werden?“ Auf dieser Ebene sehe ich Möglichkeiten vom Kuratorium mit der Pädagogik ins Gespräch zu kommen.
BK:
Was meint ihr? Was motiviert euch am meisten, sich für die Bildungsarbeit der Stiftung einzusetzen?
MSB:
Wer die Gelegenheit hat eine Abschlusspräsentation der Kursteilnehmer:innen zu erleben, macht eine besondere Erfahrung: Die Vorstellung eines gemeinsam erarbeiteten Ergebnisses löst oft große Freude und Stolz aus. Es kann vorkommen, dass die Jugendlichen am Schluss ihrer Präsentation glücklich, manche gar euphorisch aus dem Theatersaal stürmen. Etwas Besonderes wurde vollbracht und fand Anerkennung. Diese Lernerfahrung lohnt sich zu unterstützen.
GS:
Zu deiner Frage, was mich persönlich besonders motiviert, ergibt sich die Antwort aus der Geschichte des Hauses: Das wannseeFORUM hat oft eine Vorreiterrolle eingenommen. Hauptschüler:innenarbeit, proletarische Jugendbildungsarbeit, Theaterarbeit, geschlechterspezifische Jugendbildungsarbeit, SV-Seminare, Umwandlung in die Stiftung, Jugendbeirat, Qualitiy Label for Youth Centres des Europarats. Das wannseeFORUM stand immer für Innovation und zeichnet sich dadurch aus, dass es risikobereit für neue Projekte ist. Da ist das wannseeFORUM wie ein Labor.
Aus meiner Sicht liegt hier eine Aufgabe des Kuratoriums, die innovative Seite des wannseeFORUMs zu unterstützen. Dieses Experimentierfeld finde ich wichtig und es kann schwierige Situationen für Pädagog:innen geben, in denen sie die Unterstützung des Kuratoriums brauchen. Es ist eine wichtige Funktion, sich hinter das pädagogische Team zu stellen. Ich wünsche mir, dass das auch in Zukunft so bleibt.
BK:
Du meinst sich zu solidarisieren?
GS:
Wenn du meinst, dass zur Kontrolle auch ein guter Bezug zur pädagogischen Arbeit gehört, stimme ich dir zu. Es ist doch schön, dass jetzt am Schluss des Gesprächs noch ein weiterer Aspekt des Kuratoriums auftaucht, die Schutzfunktion.

