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Zwischen Absage, Unsicherheit und Dialog

Jahresbericht 2025 • Kapitel 06

Zwischen Absage, Unsicherheit und Dialog

Israelaustausche in Kriegs- und Krisenzeiten

Israel-Austausche 2025

Internationale Begegnungen unter besonderen Bedingungen

Die internationalen Begegnungen mit Partnerorganisationen aus Israel sind seit vielen Jahren ein zentraler Bestandteil der Arbeit der Stiftung wannseeFORUM. Die Jahre 2024 und 2025 haben jedoch in besonderer Weise gezeigt, unter welchen fragilen Bedingungen solche Austauschformate stattfinden – oder eben gestrichen werden können.

2024 musste das internationale Seminar „Nation and Discrimination“ kurzfristig abgesagt werden. Hintergrund waren die sich zuspitzende politische Lage im Nahen Osten sowie konkrete sicherheitsrelevante Entwicklungen. Flugausfälle – unter anderem durch die Streichung von Verbindungen durch bekannten europäischen Airlines – machten die Anreise eines Großteils der israelischen Teilnehmenden unmöglich. Gleichzeitig war auch die Rückreise nach Israel nicht verlässlich planbar.

Neben den logistischen Herausforderungen standen vor allem Fragen der Verantwortung im Vordergrund: Wie kann die Sicherheit der Teilnehmenden gewährleistet werden? Was passiert, wenn eine Rückreise nicht möglich ist? Und wie sind die daraus entstehenden finanziellen Risiken tragbar?

Vor diesem Hintergrund entschieden wir, das Seminar 2024 nicht durchzuführen. Diese Entscheidung war nicht nur organisatorisch, sondern auch pädagogisch und ethisch begründet: Die Verantwortung gegenüber den Teilnehmenden machte eine Durchführung unter den gegebenen Bedingungen nicht vertretbar.

„Nation and Discrimination“ und „Creating Future“ 2025

Umso bedeutsamer war es, dass im Jahr 2025 wieder internationale Austauschformate mit Israel realisiert werden konnten – konkret das Seminar „Nation and Discrimination“ sowie die Jugendbegegnung „Creating Future (Berlin–Holon)“.

Die Erfahrungen aus dem Vorjahr prägten die Umsetzung des Angebots maßgeblich. Sicherheitsfragen, flexible Planungsstrukturen sowie eine erhöhte Sensibilität im Umgang mit politischen Entwicklungen waren zentrale Bestandteile der Vorbereitung.

Inhaltlich setzten sich die Teilnehmenden in beiden Formaten intensiv mit Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Diskriminierung auseinander. Während „Nation and Discrimination“ einen klaren Fokus auf gesellschaftliche Ungleichheiten und Diskriminierungserfahrungen legte und junge Menschen aus Deutschland sowie jüdische und palästinensische Israelis in einen intensiven Dialog brachte, griff „Creating Future (Berlin–Holon)“ stärker Fragen von Zukunftsperspektiven, Zusammenleben und gesellschaftlicher Verantwortung im Kontext der Städtefreundschaft auf.

Beide Begegnungen fanden in einem Spannungsfeld statt, das von politischen Konflikten, persönlichen Betroffenheiten und gesellschaftlichen Polarisierungen geprägt war. Unterschiedliche Perspektiven trafen direkt aufeinander – oft verbunden mit Emotionen, Unsicherheiten und auch Widersprüchen.

Diese Dynamiken waren herausfordernd, zugleich aber zentral für die pädagogische Arbeit. Ein wesentliches Ziel bestand darin, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem kontroverse Themen angesprochen und unterschiedliche Meinungen ausgehalten werden konnten. Dialogformate spielten hierbei eine entscheidende Rolle: Sie ermöglichten es den Teilnehmenden, einander zuzuhören, Perspektiven nachzuvollziehen und eigene Positionen zu reflektieren.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Arbeit eine intensive Begleitung erfordert. Politische Konflikte sind für viele Teilnehmende keine abstrakten Themen, sondern Teil ihrer Lebensrealität. Entsprechend wichtig ist es, Räume so zu gestalten, dass sowohl Austausch als auch Schutz möglich sind.

Pädagogische Bedeutung internationaler Austauschformate

Neben der inhaltlichen Arbeit boten auch kreative und erfahrungsorientierte Methoden wichtige Zugänge. In Workshops, Diskussionen und gemeinsamen Aktivitäten konnten die Teilnehmenden ihre Eindrücke verarbeiten und neue Ausdrucksformen finden. Diese methodische Vielfalt erwies sich als hilfreich, um sowohl kognitive als auch emotionale Lernprozesse zu unterstützen.

Trotz der Herausforderungen wurde die direkte Begegnung von vielen Teilnehmenden als besonders wertvoll erlebt. Der Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten eröffnete neue Perspektiven und trug dazu bei, bestehende Vorannahmen zu hinterfragen.

Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und globaler Krisen sind internationale Jugendbegegnungen von besonderer Bedeutung. Formate wie „Nation and Discrimination“ und „Creating Future (Berlin–Holon)“ schaffen Räume für Dialog, Begegnung und Perspektivwechsel. Sie ermöglichen jungen Menschen Erfahrungen zu machen, die weit über theoretische politische Bildung hinausgehen.

Die Programme zeigen, wie wichtig es ist, internationale Austauschformate langfristig zu erhalten und weiterzuentwickeln. Begegnungen zwischen jungen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Kontexten fördern Empathie und demokratische Kompetenzen. Die Fähigkeit, mit Ambivalenzen und Konflikten konstruktiv umzugehen wurde gestärkt – auch in Kriegs- und Krisenzeiten..

Creating Future 2025 Berlin-Holon, Christoph Keller, Bezirksstadtrat Berlin-Mitte (rechts), Robin Miehlke, Koordinator Städtepartnerschaften (mitte) und Miriam Notowicz, Referentin des Bezirksjugendstadtrats, Ansprechperson für jüdisches Leben und Antisemitismusbekämpfung (Balkon)

Finanzielle Herausforderungen und Förderlandschaft

Die Umsetzung der Austauschprogramme im Jahr 2025 war mit erheblichen zusätzlichen Kosten verbunden. Diese ergaben sich insbesondere aus den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, die von israelischer Seite für internationale Begegnungen empfohlen beziehungsweise vorausgesetzt wurden.

Dazu zählten unter anderem die ausschließliche Nutzung einiger weniger Fluggesellschaften wie z.B. El Al (aufgrund der Gefahr kurzfristige Flugstornierungen zu erhalten), organisierte Shuttle-Transfers zum und vom Flughafen sowie der Einsatz von Sicherheitspersonal rund um die Uhr. Diese Maßnahmen waren angesichts der politischen Lage notwendig, führten jedoch zu deutlich höheren Kosten als bei früheren Austauschmaßnahmen.

Die bestehenden Fördermittel des Landes in Höhe von 110 € pro Teilnehmenden und Tag konnten diese zusätzlichen Ausgaben nicht abdecken. Um die Durchführung der Programme dennoch zu ermöglichen, mussten in erheblichem Umfang Drittmittel eingesetzt werden.

Diese Entwicklung macht deutlich, dass internationale Austauschprogramme unter den aktuellen politischen Bedingungen nur schwer innerhalb bestehender Förderstrukturen realisierbar sind. Für zukünftige Begegnungen bedarf es daher einer stärkeren finanziellen Unterstützung sowie einer Anpassung der Förderbedingungen an die tatsächlichen Anforderungen internationaler Austauscharbeit in Krisenzeiten.

Gerade vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen und zunehmender Polarisierungen wäre es problematisch, wenn solche Programme aus finanziellen Gründen wegfallen würden. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen vielmehr, wie notwendig internationale Jugendbegegnungen weiterhin sind – auch und gerade unter schwierigen Bedingungen.

Teilnehmer:innen Creating Future im Workshop: „Cyanotypie“
Ein Ergebnis des Collage-Workshops, Creating Future 2025

Ausblick

Die Erfahrungen aus den Jahren 2024 und 2025 machen deutlich, dass internationale Austauschprogramme wie „Nation and Discrimination“ und „Creating Future (Berlin–Holon)“ keine Selbstverständlichkeit sind. Sie sind abhängig von politischen Entwicklungen, organisatorischen Rahmenbedingungen und verlässlichen Partnerschaften.

Gleichzeitig zeigen sie aber auch ihr enormes Potenzial: Sie schaffen Räume für Verständigung dort, wo oft Sprachlosigkeit, Distanz oder Vorurteile dominieren.

Für die zukünftige Arbeit der Stiftung wannseeFORUM bleibt es daher ein zentrales Anliegen, diese internationalen Begegnungen weiterzuführen und weiterzuentwickeln. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass dies Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein und belastbare Kooperationen erfordert – zugleich aber auch, dass sich dieser Einsatz lohnt.

Gerade in Zeiten politischer Unsicherheit leisten Formate wie „Nation and Discrimination“ und „Creating Future (Berlin–Holon)“ einen wichtigen Beitrag zu Dialog, Perspektivwechsel und einer demokratischen, offenen Gesellschaft.

Gedenkfeier der Gruppe Creating Future (Berlin – Holon), Mahnmal Gleis 17, Berlin Grunewald

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