Innovation aus Tradition
Sowjetarmee erobert Berlin Deutsche Kapitulation am 8.Mai 1945 Berlin wird Vier-Sektoren-Stadt unter Alliierter Besatzung Wannsee gehört zum amerikanischer Sektor

Das Gründungskomitee besteht aus jeweils einem
– Amerikanischen Jugendoffizier
– Bezirksstadtrat für Volksbildung
– Schulleiter
– Vertreter der Arbeiterwohlfahrt
– Jugendbeirat
– Evangelischen Jugendpfarrer
– Katholischen Jugendpfarrer
Jugendpolitische Prinzipien der britischen und amerikanischen Jugendoffiziere: Keine Erziehung als Gehirnwäsche, sondern den Blick öffnen und die Hände frei machen für gemeinsame Aufbauarbeit.

Am 16. Februar Beginn des ersten Lehrgangs.
Es geht um geistige Orientierung für Mädchen und Jungen aus allen weltanschaulichen Lagern: Eigenverantwortung, selbstständiges Denken, soziales Verhalten.
Praktische Anregungen für das Gruppenleben.
Unabhängigkeit von Parteien, Verbänden, Kirchen und sonstigen Interessengruppen.
Heimleitung: Franz Steinrath und Lucille Day
Ihr Motto: „Der Jugend die Möglichkeit geben, sich selbst zu helfen.“ Die 12-Tage Lehrgänge enthalten sowohl einen gesellschaftspolitischen Part als auch einen praktischen Part mit Gruppen zu Kunst, Musik und Literatur.
Beginn der politisch-kulturellen Bildung.
„Demokratisches Jugendforum“ als Treffpunkt für alte Wannseeaten zur Diskussion mit den verschiedenen Jugendverbänden über die aktuellen Fragen des Berliner Jugendlebens.
Berlinweit geschätzte Jugendarbeit, aber als „freier Träger“ materiell ungesichert. Das bleibt das existentielle Problem der Unabhängigkeit des wannseeFORUMs bis heute.
Interessengegensätze zwischen den Sowjets und den drei West-Alliierten führen zum Auszug des sowjetischen Stadtkommandanten aus der Stadtregierung von Groß-Berlin. Die Sowjets blockieren die Land- und Wasserwege nach Berlin. Die Luftbrücke der Amerikaner und Briten sichert die Versorgung der Bevölkerung.
Am 16. Juni Eröffnung durch den Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter gemeinsam mit Mrs. McCloy.
Die High Commission for Occupied Germany beschließt, das Bootshaus an den Schülerinnen Ruderverband zurückzugeben. Die Finanzierung der Jugendleiterschulen in den vier amerikanischen Besatzungszonen wird ohne Angabe von Gründen eingestellt.
Für die Arbeit des Wannseeheims müssen neue Grundlagen geschaffen werden. An Unterstützung fehlte es nicht. Das bisherige Komitee, erweitert durch einen Unterstützerkreis, gründet den Verein Wannseeheim für Jugendarbeit, Jugendleiterschule.
„Der Verein hat den Zweck die Wirksamkeit der Jugendarbeit in Berlin zu unterstützen durch Heranbildung von Leitern, die mit Jugendgruppen arbeiten oder arbeiten wollen“, so die Zweckbestimmung laut Satzung.
Erster geschäftsführender Vorstand im Sinne des § 26 des BGB:
Dr. Edmund Szydnik, kath. Jugendpfarrer
Wally Theis, Buchsachverständige
Hinzu kamen der erweiterte Vorstand und fünf Fachausschüsse, gewählt von der Mitgliederversammlung.
Die Leiterin des Hauptjugendamtes Ella Kay entdeckt die Villa Joerger am Pohlesee, wie das Bootshaus an der Wannsee-Seenkette gelegen, eine großbürgerliche Villa inmitten einer weitläufigen Gartenanlage. Mit einer Spende der McCloy Stiftung und einem Zuschuss aus dem Bundesjugendplan kann das Anwesen vom Verein gekauft und in Stand gesetzt werden.
Die Leitungstätigkeit teilt sich eine Doppelspitze, je von den Amerikanern und dem Vereinsvorstand eingesetzt.
Beginn der Integration der BRD in West-Europa während die sowjetische Propaganda „Deutsche an einen Tisch“ fordert.
Frankreich, die BRD, sowie Italien und die Benelux-Länder schließen sich zur „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ zusammen. Der Vertrag von Paris war der Grundstein für ein friedliches Zusammenleben in (West-)Europa.
Der evangelische Theologe Hermann Berger wird alleiniger Leiter, der seine inhaltlich anspruchsvolle Lehrgangsarbeit gegen eine durchaus gefragte Geselligkeitspädagogik durchsetzt.
In der Schulpädagogik galt damals noch das Prinzip eines „belehrenden Unterrichts“. Dazu gehörte die individuelle Einzelleistung der Schüler, die untereinander Konkurrenten waren.
Demokratische Erziehung: Gruppenarbeit als grundlegendes Prinzip in allen Fachbereichen, im Gegensatz zu autoritären Führungsprinzipien. Aus militaristischen faschistischen Deutschen sollen so friedliebende Demokraten werden. Politisch unterschiedliche Ausrichtungen im pädagogischen Team werden als Privatangelegenheit akzeptiert, aber in der Arbeit sind Neutralität, Offenheit und Toleranz unbedingt gefordert.
Fachgebiete:
- Singen – Musik – Chorleitung
- Gymnastik – Sport – Spiel – Volkstanz
- Psychologie und Soziologie, staatsbürgerliche Erziehung
- Kunsterziehung – Laienspiel – musische
und kulturelle Arbeit in der Gruppe - Pädagogische Führungsaufgaben und praktische Gruppenleitung
Im Vordergrund steht die eigene Praxis in „tätiger Aneignung“. Referenten sind aufgefordert, „so untheoretisch und unakademisch wie möglich zu reden und für Zuhörerfragen offen zu sein“

Das Programm der Lehrgänge wird vor Beginn abgesprochen, kann aber während des Lehrgangs nach Interesse der Jugendlichen geändert werden. Der Lehrplanausschuss des Vereins begleitet die pädagogische Arbeit aus der Distanz.
Die Jugendverbände in Berlin haben großen Zulauf. Teilnahmegruppen kommen aus allen Jugendverbänden ins Wannseeheim, dazu Arbeitsgemeinschaften von Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen, Heimerziehern, Klassen aus Fachschulen, Ehrenamtliche und Zelthelfer.
Musisch-Kulturelle Bildung in Verbindung mit politischer Bildung kristallisiert sich als Schwerpunkt der Bildungsstätte heraus. Entsprechende bauliche Veränderungen: 1955 entstehen im Nebengebäude aus dem ehemaligen Pferdestall und der Wagen-Remise ein Theatersaal und ein Kunst-Atelier.
In den 50er Jahren entwickelt sich – ausgehend von den Jugendhöfen und Jugendleiterschulen in der britischen Besatzungszone – eine Diskussion über das Selbstverständnis politischer Bildung und ihre Interessenvertretung innerhalb der bundesweiten Jugendhilfe.
1959 entsteht daraus der Verein Arbeitskreis Jugendbildungsstätten mit dem Wannseeheim als Gründungsmitglied. Neue Mitglieder kommen vor allem aus der Erwachsenenbildung, so dass sich der Verein 1962 in Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) umbenennt.
17. Juni 1953 Volksaufstand in der DDR und in Ost-Berlin

Hermann Berger wechselt als Dozent für Gruppenpädagogik an die Fachschule für Sozialarbeit. Neuer Leiter wird der Politologe Peter Ulrich von der DAG Jugend. Die Arbeitsatmosphäre im Wannseeheim ist lebendig, offen für künstlerische Experimente wie Hörspiel-Werkstätten und Jazz-Improvisationen.
Nach der brutalen Teilung der Stadt können Jugendliche aus Ost-Berlin nicht mehr an den Lehrgängen des Wannseeheims teilnehmen. Die Verbindung mit der DDR bleibt immerhin über die Literatur in der Lehrgangs-Arbeit erhalten.
1962 erschien das Ergebnis einer empirischen Untersuchung über das politische Potential der Berliner Jugend. Jeder zweite war in einem Jugendverband organisiert. Die Zustimmung zu demokratischen Werten und Verfahren war groß. Aber die Jugend wandelt sich in die „skeptische Generation“.
1964 wird der Beratungsdienst für Jugendarbeit – finanziert aus dem Bundesjugendplan – das erste Projekt, das sich kontinuierlich außerhalb der Lehrgänge in Berlin engagiert: Seine Zielsetzung war die Praxisbegleitung für Mitarbeiter der Jugendverbände.
Peter Ulrich sieht voraus, dass das Wannseeheim langfristig nur als attraktives Übernachtungshaus finanziell überleben wird. Die „Villa Joerger“ entspricht nicht mehr den veränderten Ansprüchen seiner Gäste. Ein Erweiterungsbau mit Schlafräumen und modernen sanitären Einrichtungen entsteht, finanziert vom LOTTO Berlin und aus dem Bundesjugendplan. Im Haupthaus entsteht Platz für Gruppen- und Fachräume.
Der Internationale Jugendaustausch beginnt in den Künstlerischen Sommer-Werkstätten
1963 Gründung des Deutsch-französischen Jugendwerks (DFJW)
Eröffnung des Neubaus als glanzvoller Abschluss der Leitertätigkeit von Peter Ulrich, der danach in die Landespolitik wechselt und bis zum Innensenator und Bürgermeister avanciert.
Neuer Leiter und Lehrkraft für Theater und Literatur wird der Germanist Moritz v. Engelhardt. Er ist Bundessekretär des Bund Deutscher Pfadfinder und verfügt aus seiner Tätigkeit als Bildungsreferent im BDP bundesweit über verlässliche Kontakte zu Weggefährten, mit denen ihn die Begeisterung für die kulturelle Jugendbildung, speziell die Theaterarbeit, verbindet.
1966 erhält er die Theodor-Heuss-Medaille für die von ihm entwickelte „Politische Kundschaft“ mit Jugendlichen.
1967 übernimmt der Vorstand von der Senatsverwaltung die Trägerschaft für das Jugendfilmstudio in Kreuzberg. Der Auftrag lautete: „Entwicklung und Erprobung von Modellen zur politischen Bildung mit Hilfe von Medien“. Leiter wurde der Kameramann Falk Rebitzki.
Die 68er Studentenbewegung kritisiert die bürgerlichen Werte als reaktionär undsteht jeder Autorität kritisch gegenüber. In Teilen der pädagogischen Fachöffentlichkeit gilt nun die „musische Bildung“ als kultur- und technikfeindlich, wie Moritz v. Engelhardt in Vorstand und Lehrplan ausführlich darstellt. Der Vorstand diskutiert „was das Wannseeheim wirklich ist“ und stellt in den Vordergrund, den Interessen der Jugendlichen zu folgen und sich in den Lehrgängen offen auseinanderzusetzen.
Die politischen Diskussionen um neue Ansätze in der Bildungsarbeit veranlasst Moritz v. Engelhardt für die Dozenten eine wissenschaftliche Ausbildung und eine entsprechende Höhergruppierung der Gehälter zu fordern. „Die Aufgaben sind komplexer geworden, die fachlichen und pädagogischen Anforderungen sind gewachsen. Die Konzeption der außerschulischen Bildung muss neu überprüft werden.“
Die rote Armee Fraktion (RAF) entsteht als linksterroristische Vereinigung, die das herrschende System als faschistisch mit Gewalt vernichten will.
Die große Mehrheit der gesellschaftlich Engagierten orientiert sich in unterschiedlichen Sozialen Bewegungen: anti-autoritäre Erziehungsmodelle, „Sexuelle Befreiung“ (Kommune 1), Homosexuelle Aktion, Friedensbewegung (Ostermärsche)
Die „emanzipatorische Bildung und Erziehung“ war von Klaus Mollenhauer als Prinzip einer erneuerten Bildung formuliert worden, mit der wir uns von äußeren und inneren Zwängen befreien könnten. Proletarische Jugendliche waren eine bisher vernachlässigte Zielgruppe der außerschulischen Bildung. In der Schulpädagogik waren sie überhaupt keine beachtenswerte Gruppe – ebensowenig wie die Mädchen und jungen Frauen.
Es entsteht ein pädagogisches Team mit sozialwissenschaftlichen Dozenten, die innovative Seminarkonzepte entwickeln. Die „proletarischen Jugendlichen“ rücken ins Zentrum des pädagogischen Engagements des Wannseeheims. Die Hauptschüler und Lehrlinge werden zur wichtigsten Zielgruppe der Bildungsarbeit.

Die Theaterarbeit entwickelt sich erfolgreich aus der Zusammenarbeit mit dem Hessischen Jugendhof Dörnberg und mit Willy Praml, Dozent an der Jugendbildungsstätte Dietzenbach:
- Politisches Theater in experimentellen „Dramatischen Werkstätten“.
- Lehrlingstheater auf der Grundlage von Brechts „Lehrstücken“
- Deutsch-französische Lehrgänge

Willy Praml und Hansjörg Maier, Theaterdozent im Wannseeheim, erhalten gemeinsam den „Brüder-Grimm-Preis“ des Landes Berlin für ihre beispielhafte theaterpädagogische Arbeit.
Im Bereich Politische Bildung werden, in enger Kooperation mit engagierten Lehrern, für Wochenkurse mit 14- bis 17-jährigen Schüler/innen erfolgreich neue Modelle erprobt. Trotz anfänglicher Skepsis und politischer Bedenken gehen die vielfältigen Methoden der außerschulischen Bildung später in den Projekt-Unterricht der Schule ein.
Die Bereitschaft des Vorstands, das Wannseeheim für neue Zielgruppen, Arbeitsweisen und Themen zu öffnen, findet 1972 ihren formalen Ausdruck in einer Satzungsänderung: Die Emanzipatorische Bildungsarbeit gilt neu als Zweckbestimmung des Wannseeheims.
Alternative sozialpädagogische Initiativen finden im Wannseeheim ein Forum für Fortbildungen: Betreuer auf Abenteuerspielplätzen, Stadtteilinitiativen aus den Neubauvierteln und Initiatoren von Wohngemeinschaften für Jugendliche.
Die „proletarische Jugendarbeit“ hat in Theorie und Praxis einseitig die Jungen im Blick. Die Mädchen werden als „Nebenwiderspruch“ ignoriert. In den Hauptschulklassen sind die Jungen in der Mehrheit und die „Macker“ dominieren, während die Mädchen meist still und zurückhaltend sind.

Frauenbewegte Pädagoginnen bieten in einer Sommerwerkstatt zum ersten Mal eine Mädchengruppe an – mit großem Erfolg. Das ist der Beginn der Mädchenarbeit.
Bisher suchte sich die außerschulische Bildung in großer Distanz zu einer Schulpädagogik zu halten, der sie aus guten Gründen misstraute. Das WannseeForum gehörte zu den ersten, die eine produktive Zusammenarbeit mit der Regelschule suchten.
1978 – 1980 findet der erste zusätzlich aus Bundesmitteln geförderte Modellversuch statt: „Entwicklung von Modellen für die Kooperation zwischen Schule und außerschulischer Bildung“. Die Schule hat sich damit auch formal als Partnerin für die außerschulische Bildung geöffnet.

Das Jugendfilmstudio arbeitet in Kreuzberg weitgehend autonom. 1979 -1984 erprobt es in der Kiez Monatsschau mit mobiler Videotechnik die lokale Kommunikation im problembelasteten Stadtteil zu verbessern. Die Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt das Projekt finanziell und inhaltlich.
1976 Der Beutelsbacher Konsens: untersagt Lehrenden mit dem „Überwältigungsverbot“, Schüle/innen im Sinne einer bestimmten politischen oder religiösen Position zu indoktrinieren. Kontroverse Positionen sind als solche darzustellen.

In den 80er Jahren reichen Initiativen der politisch-kulturellen Bildung von Wannsee in die zentralen Berliner (Arbeiter-) Stadtviertel. Neukölln ist dabei Schwerpunkt.
1980 – 1984 Kulturarbeit mit Jugendlichen im Stadtteil Köllnische Heide, als „Kulturelle Befähigung von Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen Entwurzelung und Tradition“, finanziert vom Bundesministerium für Jugend, entstanden aus der Theaterarbeit. In Nachfolge gibt es den Versuch, mit public-private-partnership die Arbeit fortzusetzen

1981 – 1986 „Mädchenarbeit im Stadtteil“, bundesweit einer der ersten Mädchentreffs, fortgesetzt als „Kulturarbeit mit Mädchen“, finanziert von der „Stiftung Jugendmarke“.
1987 gründet der Mädchentreff einen eigenständigen Verein und kann als „MaDonna Mädchenkultur“ mit einer Finanzierung der Senatsverwaltung weiterarbeiten.
Der 6. Jugendbericht „Zur Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen“ gibt bundesweit 1984 Rückhalt für die Anerkennung der Mädchenarbeit

Eröffnung des Neubau ATRIUM auf dem Nachbargrundstück, erbaut aus Mitteln der Stiftung Berliner Klassenlotterie. Die Nutzung von Haus und Grundstück wird dem Verein vertraglich überlassen. Das bedeutet neben der Erweiterung der Übernachtungsplätze zusätzliche Fachräume für die künstlerische Arbeit.
1986 – 1990 Modellprojekt „Auge und Ohr“, finanziert von der Stiftung Jugendmarke, erprobt den kreativen Einsatz von Computern im neu eingerichteten, weiblich besetzten künstlerischen Fachbereich Neue Medien. Damit wird das Wannseeheim zum Vorreiter der kreativen Medienarbeit in der außerschulischen Bildung.

Die differenzierte Arbeit mit Mädchen und Jungen ist inzwischen ein Schwerpunkt im Fachbereich Politische Bildung, Personelle Veränderungen im hauptamtlichen Team machen diese Entwicklung möglich.
Im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) hat sich eine eigenständige Kommission „Mädchen- und Frauenbildung“ etabliert. Die jährlichen Fortbildungen für Mitarbeiterinnen an Bildungsstätten finden in Kooperation mit dem Wannseeheim statt.

1986 Erste bundesweite Fachtagung „Weiblichkeit als Chance“ als Beginn der bis weit ins neue Jahrtausend reichende Veranstaltungsreihe mit Praktikerinnen aus der Mädchenarbeit.

Moritz v. Engelhardt wird zum Vorstandsvorsitzenden des AdB gewählt und hat dieses Ehrenamt bis zum Rentenalter 2002 inne. Er setzt sich gegen Widerstände für den Stellenwert Politischer Bildung, insbesondere in Kombination mit kultureller Bildung, ein. Mit der deutschen Einigung gewinnen seine Ziele noch einmal mehr an Bedeutung.
Die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze begeistert Ost und West. Aber der lange Weg zu einer wirklichen politischen, wirtschaftlichen und emotionalen Vereinigung ist abzusehen. Das bedeutet neue Prioritäten für die Arbeit mit Jugendlichen und mit Erwachsenen:
Ab 1990 west-östliche Schulseminare gemischt für Mittelstufenzentren und Gymnasien. Die Schüler/innen arbeiten zu einem Thema in künstlerischen Kleingruppen, angeleitet von Fachdozenten. Die gewachsene wechselseitige Anerkennung zeigt sich deutlich in den Abschlusspräsentationen der Jugendlichen.
Für Schülervertretungen entwickelt Moritz v. Engelhardt das richtungsweisende Seminarformat „Salz in der Suppe“ mit dem klassenübergreifenden Prinzip der Schülerpaten – ältere Jugendliche geben ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die Jüngeren weiter.
In der Weiterbildung übernimmt das Wannseeheim als freier Träger Lehrgänge, die über die Arbeitsverwaltung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert werden:
- Brückenkurse: Qualifizierung von Fürsorgerinnen aus Ost-Berlin in einer kontinuierlichen Abfolge von Wochenseminaren „auf Augenhöhe“, Weiterbildung von Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern des Landes Brandenburg zu Sozialarbeiterinnen (die Zufluchtsstätten waren erst nach der Wende entstanden).
- Berufsbegleitende Fortbildung „Jugendkulturarbeit in Praxis“ mit dem Schwerpunkt „Theater“ sowohl für Sozialarbeiter wie für Künstler mit dem Ziel, die fachlichen Standards für Gesamtberlin zu vereinheitlichen.
Die Internationalen Seminare und Künstlerischen Werkstätten öffnen sich nach Mittel- und Ost-Europa.
1991 Gründung des deutsch-polnischen Jugendwerks (DPJW)
Das Wannseeheim erhält seit den 50er Jahren als eigenständige Institution eine Fehlbedarfsfinanzierung, d.h. es muss zwar durch Vermietung des Hauses und das Einwerben zusätzlicher Mittel möglichst viel selbst erwirtschaften. Aber für den eigentlichen Geschäftsbetrieb, die Arbeit mit Jugendlichen, gibt es eine Grundförderung.
Die Senatsverwaltung reduziert den „freien Träger“ zum „Projekt“, das nur noch für eine bestimmte Zahl von Seminartagen mit Berliner Jugendlichen, den „Landeskindern“, Zuschüsse erhält und keinen Anspruch auf finanzielle Gleichbehandlung analog den Einrichtungen im öffentlichen Dienst hat.
Moritz v. Engelhardt, erschöpft vom Kampf um Status und Finanzen, erklärt dem Vorstand seinen Rücktritt als Leiter. Er will nur noch als Dozent und ehrenamtlicher Vertreter des Hauses im AdB tätig sein.
In seiner Nachfolge gibt es von 1996 bis 1998 eine Interimsleitung aus Vorstand und Verwaltungsleitung. Fragen der Wirtschaftlichkeit haben nun oberste Priorität, während die Seminararbeit mit Jugendlichen an den Rand gerät. Zwei Stellen im pädagogischen Team werden gestrichen. Die Kommerzialisierung soll auch strukturell abgesichert werden, was allerdings die Zustimmung des Vereins voraussetzt.
Am 1. Januar 1998 übernimmt zwar eine Betreibergesellschaft „wannseeFORUM gGmbH/Wannseeheim für Jugendarbeit“ den Geschäftsbetrieb. Aufgrund ungeklärter Rechts- und Finanzfragen beschließt die Mitgliederversammlung aber umgehend die Liquidation der gGmbH und die Rückführung in den Verein. Die ideelle Zielsetzung ist damit wieder hergestellt.
Das Land Berlin erhält nach der Wende keine Sonderzuwendungen des Bundes mehr und versucht, sein katastrophales Haushaltsdefizit auch durch Mittelkürzungen bei den „freien Trägern“ zu regulieren.

Die Mitgliederversammlung wählt einen neuen Vorstand mit Heinz Blumensath als Vorsitzendem. Gabriele Naundorf, Politologin und langjährig erfahren in der Leitungsfunktion, wird vom Vorstand als Leiterin bestätigt. Eine konsistente Haushalts- und Finanzstruktur wird von der neuen Leitung hergestellt.
Vor allem durch die bundesweiten Kontakte von Moritz v. Engelhardt wird das Wannseeheim als FORUM für aktuelle jugendpolitische Veranstaltungen erfolgreich:
1997 Dialog zwischen den Kulturen als Reaktion auf ausländerfeindliche Übergriffe in Berlin und Brandenburg, auf Anregung von Bundespräsident Roman Herzog, organisiert die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Wannseeheim die Präsentation von demokratische Projekten und Initiativen. Die kommen dabei in Kontakt und werden öffentlich gewürdigt.
1999 Bundesjugendforum im „Haus der Kulturen der Welt“ als Auftakt für die „Bundesversammlung der Jugend – 50 Jahre Grundgesetz“ mit dem scheidenden Bundespräsidenten Roman Herzog als Hauptredner für 1000 Jugendlichen aus ganz Deutschland.

2000 Deutsche Jugendkonferenz im Rahmen des Europäischen Weißbuchprozesses zur Jugendbeteiligung, beauftragt vom Bundesministeriums für Jugend. 90 „exemplarisch“ ausgewählte Jugendliche aus unterschiedlichen regionalen Projekten diskutieren über ihre Interessen und deren Durchsetzung.
Jugendbeteiligung wird auch auf lokaler Ebene ein zentrales Thema.
2001 beginnt die Tradition des Berliner jugendFORUM mit einer ersten Veranstaltung im Gropius-Bau. Es folgt im selben Jahr der Schritt ins gegenüberliegende Abgeordnetenhaus als Ort für den Dialog zwischen Jugend und Politik.

2001 erhält Moritz v. Engelhardt das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um die politisch-kulturelle Bildung.

Intern hat sich mit der neuen Leitung das Wannseeheim – inzwischen wannseeFORUM genannt – konsolidiert. Ab 2003 werden Haupthaus, Kutscherhaus und Gartenanlage des „Ensembles Villa Joerger“ durch das Architekturbüro Anne Lampen grundsaniert.
Die „Aktion Mensch“ ermöglicht die behindertengerechte Ausstattung an wichtigen Stellen. Die Stiftung Klassenlotterie folgt mit der Sanierung des ATRIUM einschließlich des Innenhofs.
Die Immobilie weckt immer wieder kommerzielle Begehrlichkeiten. Die Organisationsform „Verein“ vermag nicht mehr die traditionsreiche ideelle Zweckbestimmung als Jugendbildungsstätte zu sichern.
2008 gibt die Mitgliederversammlung des Vereins ihr Votum ab, mit dem die Modalitäten für die Gründung einer Stiftung geprüft werden können. Die Sicherheit der Rechtsform „Stiftung“ vor einer Fremdübernahme soll mit den demokratischen Möglichkeiten der Mitbestimmung im Verein in Einklang gebracht werden.
durch die Mitglieder des Vereins „Wannseeheims für Jugendarbeit“ mit einem einhelligen Votum für die Rechtsform als aktive Stiftung.
In den folgenden Jahren konnte das wannseeFORUM neue Kooperationen eingehen und die internationale Zusammenarbeit insbesondere mit Israel und Frankreich verstärken.
Dr. Roman Fröhlich, Politologe, wird 2016 nach einer Übergangszeit neuer pädagogischer Leiter.
Eine Vielzahl von Formaten wird entwickelt in den Bereichen
- digitale Medien und Demokratie,
- kulturelle Bildung, u.a. in Kooperation mit der Komischen Oper Berlin,
- politische Bildung auch im Verbund mit neuen internationalen Trägern.
Das Lebensgefühle der Teilnehmer*innen spiegelt sich in Themen wie Diversität, Inklusion Feminismus, Interkulturalität, Erinnerungskultur, Migration, Partizipation, Klima, Mitbestimmung in der Demokratie, Frieden in Europa. Neue Methoden der Vermittlung.


Das wannseeFORUM erhält als erste Bildungsstätte im deutschsprachigen Raum die Zertifizierung „Council of EuropeQuality Label for Youth Centres“ des Europarats.
In Memoriam:
Uta Denzin-von Broich-Oppert
Uta Denzin-von Broich-Oppert
* 30.11.1939 † 11.2.2026
Wir trauern um Uta Denzin-von Broich-Oppert, die am 11. Februar 2026 im Alter von 86 Jahren verstarb. Uta Denzin war eng mit dem Wannseeheim für Jugendarbeit e.V. und später der Stiftung wannseeFORUM verbunden.
Wir erinnern Uta Denzin als eine großartige Ermöglicherin: Sie hat – meist in Zusammenarbeit mit der Leiterin des Wannseeheims Gabriele Naundorf – sowohl durch ihr inhaltliches Engagement als auch durch wichtige finanzielle Kooperationen daran mitgewirkt, Meilensteine in der Mädchen- und Frauenarbeit in unserer Bildungsstätte zu realisieren.
Zwei Meilensteine seien genannt, die über Jahrzehnte hier stattfanden und nachhaltige Wirkung für die Bildungsarbeit entfalteten – und die den Teilnehmerinnen bezeugtermaßen stets neue Ideen und unvergessliche Eindrücke bescherten.
Das sind zum einen – ab 1980 – die alljährlichen Fortbildungen für pädagogische Mitarbeiterinnen der rund 80 westdeutschen Bildungsstätten, zusammengeschlossen im „Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten“ (AdB). Kulturelle und politische Themen von „Rituale – Kulturnormen – Kulturformen“ bis zu „Frauen in der 3. Welt“ wurden jeweils auf dem neuesten Stand der Mädchen-, Frauen- und Geschlechterforschung mit teils auch unkonventionellen künstlerischen Methoden abgehandelt. Anschließend konnten Materialien und Methoden als Seminarmodelle in eigene Programme übertragen werden.
Vorangegangen und Voraussetzung dafür war 1979 die Bildung einer eigenständigen Kommission „Mädchen- und Frauenbildung“ im AdB. Auch daran hatte Uta Denzin ad personam und als Leiterin der staatlichen Bildungseinrichtung „Haus am Rupenhorn“ sowie als Gründungsmitglied des AdB gegen nicht unerhebliche Widerstände maßgeblich, tatkräftig und erfolgreich mitgewirkt.
Ähnlich bedeutsame operationelle, inhaltliche und „moralische“ Unterstützung ließ sie ab 1986 einer neuen, richtungsweisenden Veranstaltungsreihe des Wannseeheims zukommen: den bundesweiten Fachtagungen „Weiblichkeit als Chance“, gerichtet an Mitarbeiterinnen aus der autonomen Mädchenarbeit und aus koedukativen Jugendeinrichtungen. Hier wurden Vertreterinnen der sich entwickelnden Frauen- und Geschlechterforschung mit Praktikerinnen zusammengebracht.
Der Titel war Programm, denn es sollten die Stärken von Mädchen und Frauen herausgearbeitet und die Potentiale entwickelt werden – ein Abschied von dem bis dahin oft vertretenen „Defizitansatz“. Unter diesen Auspizien konnten sich die Teilnehmerinnen – zunächst aus Westdeutschland, ab 1990 auch den neuen Bundesländern – weiterbilden, austauschen und Netzwerke bilden.
Gabriele Naundorf als Veranstalterin schreibt dazu:
„Als freier Träger initiierte das Wannseeheim die Veranstaltungsreihe, aber ohne die finanzielle und fachliche Unterstützung durch Uta Denzin von Broich-Oppert und ihr „Haus am Rupenhorn“ als staatliche Einrichtung wären sie nicht zustande gekommen. Bis zum Jahr 2008 wurde so ‚das Wannseeheim‘… geradezu legendärer Ort für Frauen aus der Mädchenarbeit.“
(Gabriele Naundorf, Vom Wannseeheim für Jugendarbeit e.V. zur Stiftung wannseeFORUM, 2. Auflage 2017, S. 70 ff.)
Wer an diesen großen Fachtagungen teilgenommen hat, wird sich erinnern, wie Uta Denzin immer auch persönlich und mit substantiellen Diskussionsbeiträgen Anteil genommen hat und dass sie immer eine wichtige, kenntnis- und erfahrungsreiche Inspiration und zugleich eindrucksvolle Persönlichkeit war.
Auch institutionell engagierte Uta Denzin sich im Wannseeheim für Jugendarbeit. Seit 2005 war sie dort im Vorstand tätig, und als der Verein 2012 zur Stiftung wannseeFORUM wurde, setzt sie ihre Vorstandstätigkeit bis 2017 fort – eine Aufgabe, die sie mit viel Engagement, Kompetenz und Klugheit wahrgenommen hat. Auch anschließend als Mitglied des Kuratoriums war sie ein Dreh- und Angelpunkt des wannseeFORUMs; wir konnten immer mit ihr rechnen, wenn es galt, sich für etwas einzusetzen oder Aufgaben zu übernehmen, sei es die Vorbereitung des Sommerfestes, die Diskussion über den Umgang mit extremen Parteien oder die Gestaltung des Trauercafés für Gabriele Naundorf. Wir konnten uns darauf verlassen, dass sie Position bezog, wenn es wichtig war, und gleichzeitig ausgleichend, kompromiss- und konsensorientiert agierte. Unvergesslich bleibt ihre heitere Art, Probleme zu benennen und Lösungen zu finden.
Die Idee einer emanzipatorischen und partizipativen Jugendbildungsarbeit lag ihr sehr am Herzen, und sie setzte sich mit Überzeugung und Begeisterung dafür ein, sie im Alltag der Seminare und Werkstätten des wannseeFORUMs umzusetzen.
Ihr Einsatz für demokratische Werte wurde 2019 mit der Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille gewürdigt. Mit dieser Medaille wird eine Persönlichkeit geehrt, die dem politischen und persönlichen Vermächtnis Louise Schroeders in herausragender Weise Rechnung trägt – und dieses Vermächtnis beschrieb Louise Schroeder selber so: „Wenn ich als Frau eine besondere Aufgabe erfüllen konnte, so war es die, die Menschen einander näher zu bringen, ihre Abneigung gegen die Diktatur zu stärken und ihnen zu helfen, soweit das möglich war …“ Das war Uta Denzin: Sie führte Menschen zusammen und stärkte sie in ihrem demokratischen Grundverständnis.
Wir sind glücklich, dass wir mit ihr zusammen arbeiten konnten und mit ihr gemeinsam unterwegs waren.
Cillie Rentmeister, Sabine Behn
Hanna Biamino
* 12.11.1942 † 25.04.2025
langjähriges Mitglied des Kuratoriums der Stiftung wannseeFORUM
Gabriele Naundorf
* 24.11.1943 † 25.03.2025
Langjährige Leiterin der Stiftung wannseeFORUM
Wir trauern um Gabriele Naundorf, die am 25. März 2025 im Alter von 81 Jahren verstarb.
Gabriele Naundorf war über Jahrzehnte das Herz des Wannseeheims für Jugendarbeit e.V. und später der Stiftung wannseeFORUM. In einem Trauercafé im wannseeFORUM haben Familienangehörige, Freundinnen und berufliche Weggefährt:innen Erinnerungen und Würdigungen zusammengetragen: zu ihrem Wirken in der Bildungsstätte, ihrem Einsatz für eine emanzipatorische Mädchen- und Frauenbildungsarbeit, ihre jugendpolitische Bedeutung und nicht zuletzt zum Gedenken an Gabriele als solidarische, zugewandte und konstruktiv-streitbare Freundin, Kollegin, Kooperationspartnerin und Vorgesetzte.
Gabriele Naundorf war eine herausragende Persönlichkeit in der deutschen Bildungslandschaft und hat insbesondere die Mädchen- und Frauenbildung maßgeblich geprägt. Sie engagierte sich über Jahrzehnte für die Förderung von Mädchen und jungen Frauen und war eine treibende Kraft in der Entwicklung von Konzepten und Projekten, die zu mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft beitragen.
Das berufliche Engagement von Gabriele Naundorf begann 1972, als sie als Bildungsreferentindes Wannseeheims für Jugendarbeit Pionierarbeit leistete und die ersten Konzepte für eine emanzipatorische Mädchenbildung erarbeitete. Sie entwickelte und leitete Kurse für Mädchen, die an deren Stärken und Interessen anknüpften und ihnen nicht nur Wissen, sondern auch das Selbstvertrauen vermittelten, ihre eigenen Interessen zu verfolgen und ihren Platz in der Welt zu finden. Diese Kurse waren oft ganzheitliche, begeisternde Bildungserlebnisse für die Teilnehmerinnen.Sie verbanden Vorträge, Exkursionen mit Interviews, Bild, Musik und Tanz. Nicht selten gaben sie Anstoß für spätere berufliche und persönliche Lebensentscheidungen. Viele Kurse richteten sich gezielt an Hauptschülerinnen, eine in der Bildungsarbeit bis dahin eher vernachlässigte Zielgruppe, und begeisterten sie für „fremde Welten“ wie Geschichte oder Technik.
Gabriele Naundorf wurde in Theorie und Praxis Mitbegründerin der Mädchen- und Frauenbildungsarbeit in der Bundesrepublik. Sie hat dazu beigetragen, dass Jugendpolitik nicht zuvörderst Politik für Jungen war. Und sie hat wesentliche Impulse für die Weiterentwicklung dieser Arbeit im vereinten Deutschland gegeben. Einige wichtige Stationen daraus:
- Zunächst ging es darum – mühsam genug! – emanzipatorische Konzepte der Mädchen- und Frauenbildungsarbeit innerhalb der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung selbst, bundesweit zu etablieren. Forum dafür war der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB), zu dessen Gründungsmitgliedern das Wannseeheim für Jugendarbeit gehörte. 1979 gelang es gegen zum Teil erheblichen Widerstand, einen Beschluss für eine eigenständige Kommission „Mädchen- und Frauenbildung“ im AdB durchzusetzen: eine große Unterstützung für die Pädagoginnen in den Mitgliedseinrichtungen.
- Der AdB war es dann, der Gabriele Naundorf als Expertin für die Sachverständigen-kommission zum 1984 vorgelegten 6. Kinder- und Jugendbericht „Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen in der Bundesrepublik“ vorschlug. Sie wurde als eines der sechs Mitglieder der Sachverständigenkommission berufen, und konnte sich hier für eine umfassende politische und argumentative Unterstützung der Mädchenbildungsarbeit in der Bundesrepublik engagieren. Denn erstmals sollte die gesellschaftliche und individuelle Situation von Mädchen umfassend untersucht und der Bundesregierung und dem Bundestag berichtet werden; in allen fünf vorhergehenden Jugendberichten wurde quasi automatisch Jugend mit Jungen gleichgesetzt. Gabriele Naundorf kannte für viele Themenbereiche im 6. Kinder- und Jugendbericht ausgewiesene Fachfrauen und schlug sie erfolgreich für Expertisen der Sachverständigenkommission vor.
Themen waren u.a. Inklusion und Migration, Sozialisation und Erwerbswelt, Mädchen in der Provinz und in der Jugendhilfe, Mädchenbild in Medien, Kultur und Geschichte, der Streit um die Koedukationund als besonders heikles, neues Thema sexueller Missbrauch im sozialen Nahfeld, in der Familie.
- 1986 fand mit Unterstützung der Berliner Frauenbeauftragten und in Kooperation mit der Fortbildungsstätte Haus am Rupenhornunter fachlicher Federführung von Gabriele Naundorf die erste der bundesweiten Frauenfachtagungen statt, die dann bis 2008 jährlich im wannseeFORUM angeboten wurden. Diese Fachtagungen mit dem Obertitel „Weiblichkeit als Chance“ entstanden als originärer Ort für die Verbindung dersich entwickelnden Frauenforschung mit der Praxis der Mädchenarbeit. Sie bezogen klar Position gegen den Defizit-Ansatz, der Mädchen und Frauen auf die Opferrolle reduziert. Die Frauenfachtagungen erfuhren im dann vereinten Deutschland gleichfalls erhebliche Resonanz und hatten auch Teilnehmerinnen aus dem deutschsprachigen Ausland.
Es war Gabriele Naundorfs unermüdliches Engagement – ab 1999 dann als Leiterin des Wannseeheims für Jugendarbeit –, das den Weg für die politische Anerkennung und Förderung emanzipatorischer Mädchenbildung ebnete. Ihr Einfluss auf die deutsche Bildungslandschaft war nicht nur in der Jugendpolitik und der Bildungstheorie, sondern auch in der Praxis der Bildungsarbeit von unschätzbarem Wert. Dabei war sie stets offen für neue Ansätze und Projekte, wenn dabei ihr Wertekanon der Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung geteilt wurde. Ihre Bereitschaft, neue (nicht nur feministische!) Konzepte in die Bildungsarbeit einzubauen und somit neue Perspektiven zu integrieren, haben wir immer sehr geschätzt.
Gabriele Naundorfs Engagement für die Praxis der Mädchenarbeit zeigte sich unter anderem in dem Modellversuch „Mädchenarbeit im Stadtteil“, aus dem heraus der MaDonna-Mädchentreff in Berlin-Neukölln entstand. Gemeinsam mit Gabriele Heinemann war sie dessen Gründerin und leistete dort jahrelang Vorstandsarbeit. MaDonna steht bis heute für interkulturelle Stadtteilarbeit und das Empowerment von Mädchen und jungen Frauen.
Später, als stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung wannseeFORUM ab 2011, zeigte Gabriele Naundorf auch im „Ruhestand“ eine ungebrochene Leidenschaft für die Themen, die ihr am Herzen lagen. Sie setzte sich weiterhin für eine offene Debattenkultur und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen ein, besonders im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte von Frauen und Mädchen.
Als Verfasserin der Dokumentation „Vom Wannseeheim für Jugendarbeit e.V. zur Stiftung wannseeFORUM – 70 Jahre politische und kulturelle Bildung in 7 Stationen“ (2012) überlieferte sie uns ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte. Sie zeigte darin die Leistungen, die Krisen, aber vor allem auch die Besonderheiten dieses Hauses auf, die seit über 70 Jahre seine Strahlkraft ausmachen.
Doch Gabriele Naundorf war nicht nur eine unermüdliche Kämpferin für die Rechte von Mädchen und Frauen, sondern auch eine wunderbare Freundin, die mit ihrer Lebensfreude und ihrer Solidarität das Leben der Menschen, die ihr nahestanden, bereicherte. Sie war stets hilfsbereit und großzügig, sei es bei der Betreuung von Katzen oder bei der unbürokratischen Bereitstellung ihres Autos für Reisen oder Transporte. Ihre Freundschaften waren geprägt von Offenheit, Respekt, Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung – Werte, die sie nicht nur in ihrer beruflichen, sondern auch in ihrer privaten Welt lebte.
Der Tod von Gabriele Naundorf hinterlässt eine Lücke, die in der deutschen Bildungslandschaft und in den Herzen derjenigen, die mit ihr zusammenarbeiteten, spürbar sein wird. Ihr Leben war ein Leben des Engagements für Gleichberechtigung und Emanzipation, für die Förderung von Mädchen und Frauen und für die Überzeugung, dass Bildung der Schlüssel zur Veränderung der Welt ist. Ihr Werk wird weitergetragen in den vielen Projekten, die sie initiiert hat, und von den unzähligen Menschen, die von ihrer Arbeit profitierten – insbesondere im wannseeFORUM, das sie so beschrieb: „Dieser schöne Ort außerhalb des Schul- oder Arbeitsalltags ist perfekt geeignet, neue Gedanken und entsprechend eine neue Haltung zu wagen.“ Gabriele Naundorf war über Jahrzehnte das Herz dieses Hauses,inspirierender Geist und Bewahrerin seiner Schönheit.
Wir sind dankbar, dass wir zu ihrem Freundeskreis und zu ihren beruflichen Weggefährtinnen gehörten, und behalten sie als begeisterte und begeisternde Mitstreiterin in Erinnerung.
Gerd Teicher
*04.01.1945 † 29.04.2022
Aus der Pfadfinderbewegung kommend hat er nach seinem Eintritt in den Verein 1967 über Jahrzehnte die Arbeit des Wannseeheim für Jugendarbeit e. V. begleitet und gefördert.
Über viele Jahre war er ehrenamtlich im Finanzausschuss und als Kassierer tätig. Mit der Umwandlung in die Stiftung übernahm er Verantwortung im Gründungskuratorium.
Mit großer Kraft und praktisch gelebter Solidarität unterstützte er die lebendige und entschiedene Umsetzung einer demokratischen Jugendbildungsarbeit nicht nur mit seinem Rat, sondern jährlich auch mit großzügigen Spenden.
In großer Dankbarkeit behalten wir ihn als stets präsenten, humorvollen und solidarischen Mitstreiter in Erinnerung.
C. Wolfgang Müller
* 12. November 1928 † 21. April 2021
C. Wolfgang Müller war viele Jahre lang beratend und fördernd dem Haus aktiv verbunden – von 1965 bis 2012 als Mitglied des Vereins Wannseeheim für Jugendarbeit e.V., in den Jahren 1999 bis 2012 auch als Vorstandsmitglied. Mit der Umwandlung des Vereins in die Stiftung wannseeFORUM übernahm er die herausragende Funktion des ersten Vorsitzenden des Kuratoriums.
Dr. Eberhard Grashoff
* 11. Februar *1928 † 20. März 2020
Für die Bildungsstätte wannseeFORUM war Eberhard Grashoff eine prägende Persönlichkeit. 1951 gehörte er zu den Initiatoren des Vereins „Wannseeheim für Jugendarbeit e.V.“, den er von da an begleitete und mitgestaltete, von 1986 bis 1998 als Vorstandsvorsitzender.
Demokratie und Völkerverständigung, besonders mit Polen, das waren die Ziele, die er neben seiner Tätigkeit als Journalist und ab 1976 als Sprecher der späteren „Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR™ vielfältig protegierte. Seine Position in Ost-Berlin nutzte er auch für das wannseeFORUM, um deutsch-deutsche Kontakte zu ermöglichen.
Nach dem Mauerfall engagierte er sich vor allem in Brandenburg und war Mitbegründer der Bildungsstätte
Schloss Trebnitz nahe der Grenze zu Polen.
Seit 2011 wirkte er im Kuratorium der Stiftung wannseeFORUM.
Noch im hohen Alter diskutierte er als Zeitzeuge mit Jugendlichen und fand stets ihr Interesse für seine Interpretation der Nachkriegsgeschichte.
Dr. Georg Landenberger
* 5.10.1952 † 9.11.2019
Seit 1985 hat sich Dr. Georg Landenberger ehrenamtlich im Verein der Jugendbildungsstätte „Wannseeheim für Jugendarbeit“ engagiert und ab 1996 Verantwortung im Vorstand übernommen. Die Überführung des Vereins in die „Stiftung wannseeFORUM“ hat er im Sinne einer zukunftsorientierten emanzipativen Jugendarbeit mitgestaltet und sich dann auch im Vorstand und dem Kuratorium der Stiftung engagiert.