Was verbindet uns, wenn unsere Geschichten und Perspektiven unterschiedlich sind? Beim internationalen Seminar „Nation and Discrimination 2026“ kamen junge Menschen aus Deutschland und Israel zusammen, um gemeinsam über Identität, Geschichte, Zugehörigkeit und Diskriminierung ins Gespräch zu kommen.
Nation and Discrimination 2026 – Begegnung, Perspektiven und gemeinsames Lernen
Unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Perspektiven – und ein gemeinsamer Raum für Austausch. Vom 1. bis 9. August 2026 kamen junge Menschen aus Deutschland und Israel im Stiftung wannseeFORUM zusammen, um sich mit Identität, Zugehörigkeit, Diskriminierung und unterschiedlichen Perspektiven auf Geschichte auseinanderzusetzen.
Von der eigenen Identität zu nationalen Narrativen
Zu Beginn der Woche stand die eigene Identität im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden beschäftigten sich mit der Frage, welche Erfahrungen, Zugehörigkeiten und Zuschreibungen sie prägen. Dabei wurde deutlich, dass Identität aus vielen verschiedenen Facetten besteht – etwa aus Geschlecht, kulturellem Hintergrund, Nationalität, Religion, Beruf, persönlichen Überzeugungen oder sozialen Rollen.
In verschiedenen Übungen ging es auch darum, welche Aspekte der eigenen Identität stärken und welche als einschränkend oder belastend erlebt werden können. Fragen von Macht und gesellschaftlichen Zuschreibungen wurden dabei ebenso thematisiert wie die Wahrnehmung der eigenen Position in einer Gruppe.
Von der persönlichen Identität führte der Weg zur Familiengeschichte und schließlich zur Frage nach nationaler Zugehörigkeit. Die Teilnehmenden zeichneten die Wege ihrer Familien über die vergangenen 100 Jahre nach und machten sichtbar, wie Migration, Grenzen und historische Veränderungen individuelle Biografien prägen können. Darauf aufbauend beschäftigten sie sich mit der Frage, wie Nationen entstehen, wie Zugehörigkeit konstruiert wird und welche Geschichten für die eigene nationale Identität eine besondere Bedeutung bekommen.
Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven
Ein Schwerpunkt des Seminars waren die unterschiedlichen nationalen Narrative. Die deutschen, israelischen und palästinensischen Gruppen setzten sich jeweils mit historischen Ereignissen auseinander, die ihre Vorstellungen von Geschichte und nationaler Identität prägen. Dabei wurde sichtbar, dass dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und erinnert werden kann.
Besonders intensiv ging es um die Shoa, ihre Bedeutung für jüdische und israelische Erinnerung, sowie um den 7. Oktober 2023 und seine Bedeutung für die israelische Gesellschaft und Erinnerung. Ebenso beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Nakba und der palästinensischen Nationalbewegung sowie mit der Geschichte der Teilung und den damit verbundenen historischen Entwicklungen. Die unterschiedlichen Narrative wurden nicht isoliert betrachtet, sondern in Beziehung zueinander gesetzt und gemeinsam diskutiert.
Dialog braucht Raum und Zuhören
Bei einem Thema, das mit persönlichen Erfahrungen, Familiengeschichten und historischen Konflikten verbunden ist, braucht Dialog besondere Aufmerksamkeit. Deshalb wurden im Seminar verschiedene Formen des Zuhörens und des Perspektivwechsels erprobt.
The Witnessing Circles (Zeugenkreise) bildeten dabei einen zentralen Bestandteil. In ihnen konnten persönliche Erfahrungen und Gedanken geteilt werden, ohne dass das Gesagte unmittelbar kommentiert oder diskutiert wurde. Die anderen Teilnehmenden waren zunächst dazu eingeladen, zuzuhören und den Raum für die erzählte Erfahrung zu halten. So entstanden Gesprächssituationen, in denen unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehen konnten.
Auch die Auseinandersetzung mit Sprache und Gesprächsführung spielte eine Rolle. Die Teilnehmenden wurden darin bestärkt, aus der eigenen Perspektive zu sprechen, bewusst zuzuhören und vor einer Reaktion zunächst innezuhalten. Gerade bei kontroversen Themen kann ein solcher Moment helfen, zwischen dem eigenen Erleben, der Wahrnehmung anderer und einer vorschnellen Bewertung zu unterscheiden.
Geschichte erleben und sichtbar machen
Die inhaltliche Arbeit wurde immer wieder durch kreative und körperorientierte Methoden ergänzt. Übungen zu Spiegeln, Führen und Wahrnehmung machten erfahrbar, wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen werden können und welche Verantwortung damit verbunden ist, wenn eine Person die Führung übernimmt und eine andere ihr folgt.
In den Human Sculptures (Menschliche Skulpturen) übersetzten die drei nationalen Gruppen ihre Perspektiven schließlich in ein gemeinsames körperliches Bild. Die deutschen, israelischen und palästinensischen Teilnehmenden entwickelten jeweils eine eigene Skulptur und präsentierten sie den anderen. Zunächst ging es darum, genau zu beobachten, bevor Interpretationen und Gefühle formuliert wurden. Anschließend konnten die jeweiligen Gruppen erklären, was sie mit ihrer Darstellung ausdrücken wollten und wie sie den Prozess erlebt hatten.
Der bewusste Wechsel zwischen Beobachtung, Interpretation und eigener Erklärung machte dabei deutlich, wie schnell wir Bildern und Situationen eine Bedeutung geben – und wie wichtig es sein kann, zunächst genauer hinzusehen und nachzufragen.
Auch historische Orte wurden Teil der Auseinandersetzung. Ein Besuch im Haus der Wannseekonferenz und an der Gedenkstätte Bernauer Straße ergänzte die Arbeit zu Geschichte, Erinnerung und gesellschaftlichen Entwicklungen.
Begegnung schafft neue Perspektiven
Eine Woche lang kamen junge Menschen mit unterschiedlichen Biografien und historischen Bezugspunkten zusammen. Sie stellten Fragen, hörten einander zu, betrachteten Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und suchten nach Wegen, auch schwierige Themen gemeinsam auszuhalten.
Gerade bei Fragen von Identität, Diskriminierung und dem israelisch-palästinensischen Konflikt braucht es Räume, in denen unterschiedliche Geschichten sichtbar werden können, ohne dass ihre Komplexität auf eine einzige Erzählung reduziert wird.
Nation and Discrimination schafft einen solchen Raum für Begegnung, politische Bildung und gemeinsames Lernen. Die Woche zeigt dabei: Dialog bedeutet nicht, dass alle dieselbe Perspektive entwickeln müssen. Er beginnt vielmehr dort, wo unterschiedliche Perspektiven gehört werden und miteinander ins Gespräch kommen.



